LVR-Amt für Denkmalpflege
im Rheinland
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Blick in die Kuppel des Oktogons des Weltkulturerbes Aachener Dom

Denkmalpflege im Rheinland

Berichte aus dem Amt

Aktuelle Berichte aus dem LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, kurz und knapp und auf den Punkt gebracht, von Mitarbeiter*innen des Fachamtes geschrieben:

Denkmal unter´m Storch

Die ehemalige Kinderschuhfabrik Fritz Pannier in Kleve ist vom LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) positiv auf ihren Denkmalwert hin untersucht worden, der Antrag zur Eintragung des Industriedenkmals ist inzwischen bei der Kommune gestellt.

In Kleve steckte das moderne Körper- und Gesundheitsbewusstsein zu Beginn des 20. Jahrhundert in den sprichwörtlichen Kinderschuhen: Seit 1895, dann aber vor allem in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ist am Niederrhein der moderne Kinder- und Jugendschuh entwickelt und in den Folgejahren unter dem Markennamen Storch als Vorbild in die ganze Welt getragen worden. Die ehemalige Kinderschuhfabrik Fritz Pannier an der Acker-/ Ecke Brahmsstraße legt hierüber noch heute Zeugnis ab und soll als Denkmal in die Denkmalliste der Stadt Kleve eingetragen werden.

"Fußgesunde" Kinderschuhe – eine Weltneuheit aus Kleve

Was uns heute ganz selbstverständlich erscheint, nämlich flexible Kinderschuhe mit asymmetrischer Sohle und vor allem mit Unterscheidung in rechten und linken Schuh, ist eine überraschend junge Entwicklung aus der Zeit der frühen Moderne: Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert waren Kinder- und Jugendschuhe im Wesentlichen die verkleinerte Version von Erwachsenenschuhen, mit starrer symmetrischer Sohle und festem Aufbau. Darüber hinaus gab es bei den so genannten zweiballigen Schuhen keine Differenzierung von rechtem und linkem Schuh. Und: Erwachsenen- wie Kinderschuhe wurden bis zur Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert vornehmlich noch in lokalen Handwerksbetrieben individuell gefertigt.


Der aus Berlin kommende Fritz Pannier hielt das zum Ende des 19. Jahrhunderts für nicht mehr zeitgemäß und gründete in Kleve 1895 eine erste eigene Kinderschuhfabrik. Schon der Begriff "Kinderschuhfabrik" beinhaltet zwei eklatante Neuerungen: Die Spezialisierung auf Kinderschuhe sowie deren massenhafte industrielle Produktion in einer Fabrik. Sein noch junges Unternehmen ließ er 1896 in der mit seinem Schwager gemeinsam eröffneten Kinderschuhfabrik „Pannier und Hoffmann“ aufgehen, bevor die beiden 1908 schließlich wieder eigene Wege gingen und je eigenständige Kinder- und Jugendschuhfirmen in Kleve begründeten – Hoffmann mit Fokus auf Kinderschuhe "bis Größe 27", Pannier mit Schwerpunkt auf die größeren Größen. Die heute bestehenden ehemaligen Fabrikbauten der Firma Pannier gehen in ihrer Grundanlage also auf das Jahr 1908 zurück.

Ein Stück Industrie- und Sozialgeschichte


Bei der gesamten Firmengeschichte – sowie entsprechend beim heutigen Denkmal – geht es um mehr als "nur" um Schuhe: Panniers Geschäftsidee speiste sich wesentlich aus zwei Gedankenwelten, die sich seit dem späteren 19. Jahrhundert entwickelt hatten und in den Jahren um 1900 intensivierten: Zum einen beeinflussten sich in diesen Jahren die Erkenntnisse der sich rasch entwickelnden Natur- und Körperwissenschaften und die sich – ebenfalls rasch entwickelnde – Industrie gegenseitig. Zum anderen entwickelte sich im Rahmen der sogenannten lebensreformatorischen Bewegung ein immer größeres Bewusstsein für gesunde Lebensweisen, sei dies nun bezogen auf konkrete Lebensumstände wie Wohnumgebung oder Ernährungsweise, sei es bezogen auf die Art der Bekleidung.

In der Firmengeschichte der ehemaligen Kinderschuhfabrik kulminieren all diese Entwicklungen auf einzigartige Weise und bezeugen darüber hinaus weitere modernisierende Entwicklungen bis in die 1950er Jahre hinein.

SS-Stiefel in Kriegszeiten

Im Zweiten Weltkrieg stellte das Unternehmen auch Stiefel für die deutsche Wehrmacht her, ein Bauantrag aus dem Jahr 1943 berichtet von einem "großen Auftragsbestand an Wehrmachtsaufträgen in Filzstiefeln für arktische Gegenden der Sonderstufe SS ‚Winter‘", die von zusätzlichen "weiblichen ausländischen Arbeitskräften" hergestellt würden. Um für diese – nicht näher bestimmten – Personen Unterkünfte bereitstellen zu können, ist die ehemalige Schreinerwerkstatt aufgestockt und ausgebaut worden. Dieses Gebäude ist heute im südwestlichen Bereich des ehemaligen Firmengeländes als Wohngebäude erhalten. Zwischen den Shedhallen und der Brahmsstraße entstand während des Krieges zudem ein unterirdisches Bunkergebäude.


Ein Denkmal auch der Nachkriegszeit

Während des Zweiten Weltkriegs ist der Gebäudebestand der Firma stark beschädigt worden. Die Bauten, die wir heute noch sehen, stammen wesentlich aus den späten 1940er und den 1950er Jahren aufbauend auf die Fundamente der Vorkriegsbauten. Die Wiederaufbauarbeiten nach Plänen des lokal ansässigen Architekten Klaus Schleich sind in rascher Folge mehrstufig erfolgt: Im Jahr 1946 sind Anträge zu Wiederaufbau und Instandsetzung der Fabrikations-, Lager- und Verwaltungsräume gestellt worden, weitere Aufbauarbeiten folgten, so dass die Anlage im Wesentlichen schon 1949 im Umfang der Vorkriegsjahre wiederhergestellt war. Ab 1950 erfolgten wesentliche Erweiterungen der Anlage, darunter die Vergrößerung der hofseitig gelegenen Fabrikationsbauten, ab Ende 1952 folgte zudem der Neubau einer Fabrikationshalle im nördlichen Bereich der Anlage. Die nordwestlich entlang der Shedhallen zur Brahmsstraße hin gelegenen flachen Anbauten sowie das Pförtnerhäuschen an der Werkszufahrt von der Ackerstraße sind nach 1952 entstanden, waren aber spätestens im Jahr 1958 vorhanden.

Im Jahr 1971 stellte die Schuhfabrik Pannier ihren Betrieb ein, die bauliche Anlage ist bis heute ohne größere Veränderungen erhalten. Technische Anlagen im Inneren der Bauten sind allerdings nicht mehr vorhanden.

Für die Entwicklung der Schuhfabrik Pannier – und damit für den heutigen Denkmalumfang – sind vier Zeitschichten wesentlich: Die Zeitschicht der Gründung nach 1908, diejenige der Kriegsproduktion während des Zweiten Weltkriegs, diejenige des Wiederaufbaus in den späten 1940er Jahren sowie diejenige der Erweiterungen im Zuge des so genannten Wirtschaftswunders bis 1958.


Autor

Porträt Doktor Ralf Liptau

Dr. Ralf Liptau

Industriedenkmalpfleger

ralf.liptau@lvr.de



Notfallplanung

Vorbereitung auf den nächsten Ernstfall

Die Erfahrung des Hochwassers 2021 im Rheinland hat gezeigt, dass sich das LVR-ADR für den nächsten Ernstfall besser vorbereiten muss. Aufgrund des Klimawandels werden Extremwetterlagen – und in ihrer Folge auch sog. Jahrhunderthochwasser – wohl häufiger werden. In der Vergangenheit waren von Hochwasser vor allem die Kommunen am Rhein betroffen, wo nach den Rekordwasserständen von 1995 und 1996 umfangreiche Maßnahmen zum Hochwasserschutz umgesetzt wurden. 2021 dagegen waren es hingegen vor allem die Nebenflüsse des Rheins, insbesondere Erft, Inde, Swist und Wupper, die über ihre Ufer traten. Es traf kleinere Gemeinden, die kaum oder keine Vorkehrungen gegen entsprechende Hochwasser getroffen hatten. Warnungen wurden zwar ausgesprochen, doch traf die Schwere die meisten Verantwortlichen und Anwohner*innen weitestgehend unvorbereitet. Dieses Ereignis zeigte, dass es keinen vollständigen Schutz vor Katastrophen gibt. Auch der Krieg in der Ukraine und die Folgen nicht nur für die Menschen, sondern auch für Kulturgüter, führt uns die Notwendigkeit von Vorsorge für den Notfall vor Augen.

Es stellt sich also die Frage: Was ist zu tun, um das Fachamt und die Denkmäler im Rheinland auf den nächsten Ernstfall vorzubereiten?

Die Notfallplanung ist ein wichtiges Instrument im Kulturgutschutz, das in vielen Bereichen bereits erfolgreich umgesetzt ist. Ein gutes Beispiel sind die Archive im Rheinland, die sich unter der Anleitung des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums (LVR-AFZ) mit einem Notfallbund auch für das Hochwasser 2021 gut vorbereitet hatten. Diese Anstrengungen wurden besonders nach den Erfahrungen des Einsturzes des Historischen Archives der Stadt Köln 2009 und mittelbar auch dem Brand der Herzogin-Anna-Amalia Bibliothek in Weimar 2004 unternommen. Das LVR-AFZ verteilte in der Folge Notfallkoffer an viele Archive im Rheinland, deren Inhalt bei der ersten Bearbeitung von betroffenen Archivmaterialien hilft. Möglichkeiten für das Einfrieren nasser Archivalien und Lagerorte für Bergungsgut werden vorgehalten.

Wesentlich kleinteiliger sind dagegen Notfallpläne für einzelne Institutionen, etwa Museen. Dort werden schon im Vorfeld Risikobewertungen durchgeführt, um mögliche Bedrohungen zu identifizieren und beheben oder abmildern zu können. Mit Laufplänen und Prioritätslisten werden Evakuierungspläne erstellt, um Feuerwehr oder Katastrophenschutz bei der Bergung besonderer Objekte zu unterstützen. Solche Pläne werden auch für UNESCO-Welterbestätte empfohlen und existieren etwa für den Aachener und den Kölner Dom.

Für die tägliche Arbeit in der Denkmalpflege sind solche detaillierte Notfallpläne nur für ausgewählte Gebäude sinnvoll, angesichts der Menge und Heterogenität des unter Schutz stehenden Bestandes ist eine flächendeckende Entwicklung entsprechende Pläne weder umsetzbar noch sinnvoll. Primäre Aufgabe des LVR-ADR wird hingegen zukünftig sein, Informationen schnell bereitstellen zu können und sich organisatorisch gut zu vernetzen. Bereits im Nachgang des Hochwassers 2021 wurden im Schnellverfahren Handreichungen zur Bergung von Ausstattung und Trocknung von Kulturgütern und Gebäuden erstellt. Diese werden nun überarbeitet und ergänzt, Ziel ist die Erarbeitung von bundesweit einheitlichen Handreichungen unter dem Mantel der Vereinigung der Denkmalfachämter in den Ländern (VDL). Grundlagen bieten dabei bereits bestehende Leitfäden anderer Institutionen und Verbände. Zusätzlich ist es notwendig, sich besser in bestehende Notfallbünde einzubinden und Kontakte zu in diesem Bereich kompetenten Institutionen und Organisationen zu knüpfen. So soll beispielsweise ein Austausch mit dem Kulturgüterschutz der Feuerwehren im Rheinland und dem Technischen Hilfswerk und eine Notfallkoordination im LVR-ADR etabliert werden. Einen vollständigen Schutz vor Katastrophen wird es nicht geben können. Das Fachamt wird jedoch versuchen, sich selbst und die Denkmäler im Rheinland besser auf den nächsten Notfall vorzubereiten.


Autorin

Porträtfoto Maria Lörzel

Maria Lörzel M.A.

Restauratorin für moderne Materialien

maria.loerzel@lvr.de



Ministerin entscheidet: Kein Denkmalschutz für historischen Vierkanthof in Erftstadt-Herrig

Abrissarbeiten haben begonnen

Die Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW (MHKBG NRW), Ina Scharrenbach, hat entschieden, dass der Herriger Schöddershof nicht unter Denkmalschutz gestellt wird und damit kommunalpolitischen und wirtschaftlichen Erwägungen den Vorrang eingeräumt. Der backsteinsichtige Vierkanthof aus den 1860er Jahren in der Dorfmitte von Herrig, dem das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) in einem Gutachten vom 15.09.2021 Denkmalwert bescheinigte, prägte das Ortsbild maßgeblich und war daher insbesondere aus städtebaulichen wie auch aus architektur- und sozialhistorischen Gründen erhaltenswert. Unmittelbar nach Bekanntgabe der ministeriellen Entscheidung am 25.04.2022 wurde mit dem Abriss des Hofes durch den Besitzer begonnen.

Das LVR-ADR hatte in seinem Gutachten festgestellt, dass das Ortsbild von Herrig im Bereich des alten Dorfkerns maßgeblich geprägt wird durch vier große Hofanlagen, darunter die nun dem Abriss preisgegebene in der St.-Clemens-Straße 24, sowie die Kirche St. Clemens einschließlich des Kirchhofs. Die Existenz eines großen Hofes an dieser Stelle ist seit 1496 bezeugt. Auch die Kommune selbst hat die Hofanlage im historischen Ortskern in ihrem in den 1990er Jahren aufgestellten Denkmalpflegeplan als erhaltenswerte Bausubstanz bewertet. Die Entscheidung des MHKBG NRW als Oberste Denkmalbehörde enthält leider keine fachliche Begründung. Auf vergleichbare Abwägungen wird sich die amtliche Denkmalpflege vor dem Hintergrund der Gesetzesnovelle einstellen müssen.

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Pulheim-Brauweiler, Donatus-Figur, Donatus-Straße/Ecke Helmholtzstraße

Der einstige Reichtum der Benediktinerabtei Brauweiler vor den Toren der Stadt Köln zeigt sich an den erhaltenen Bauten des ehrwürdigen Klosters. Aber auch einzelne Kleindenkmale in seinem Umfeld prägen bis heute in auffälligen Formen die Geschichte dieser zusammenhängenden Kulturlandschaft. Sinnfällig zeigt sich dies einerseits bei der Betrachtung der kunstvollen barocken Mariengruppe vor dem Freimersdorfer Fronhof, einst Besitz und Tafelgut des Klosters Brauweiler.

Aber auch das aufwändig gearbeitete Standbild des Heiligen Donatus an der Straßenecke der nach ihm benannten Donatusstraße in Brauweiler zeugt von den damaligen Ängsten und dem tiefen Glauben aller Schichten der hier lebenden und arbeitenden Menschen, sowohl der Bauern wie auch der Kleriker. Der Nahbereich des historisch verbürgten Standortes des Standbildes und der Denkmalbereich Freimersdorf sind möglicherweise durch die geplante Straßenbahnlinie tangiert.

Das Donatus-Standbild ist in diesem Zusammenhang ein herausragend beispielhaftes Zeugnis, das seit seiner Errichtung im Jahre 1779 unverändert bis heute seinen Standort behaupten konnte und explizit mit diesem angestammten Standort seine geschichtliche Bedeutung in verschiedenen Facetten dokumentiert. Der kurz zuvor im Jahre 1778 neu gewählte Abt Anselm Aldenhoven hatte es nach einem schweren Unwetter, bei dem die klösterlichen Felder wunderbarerweise verschont blieben, in Auftrag gegeben, nur ein Jahr bevor er die barocken Prälaturflügel des Klosters Brauweiler nach Plänen des Koblenzer Stadtbaumeisters Nikolaus Lauxen errichten ließ.

Donatus starb nach der Überlieferung als römischer Offizier im 2. Jahrhundert für seinen Glauben. Ein Unwetter hatte ihn in einer gefährlichen Notlage auf dem Schlachtfeld gerettet. Daraufhin gelobte er Gott seine künftige Ehelosigkeit. Dem Vorschlag des römischen Kaisers, dessen Enkelin zu heiraten, widersprach er und wurde daraufhin hingerichtet.

Die Katholische Kirche stufte Donatus als Märtyrer ein. 1646 ließ Papst Innozenz X. seine Gebeine erheben, um sie dem neuen Jesuitenkloster in Münstereifel zu schenken. Auf dem Weg nach Münstereifel, im Jahre 1652, segnete sie der Pfarrer in der Kirche von Euskirchen, als ein Blitz die Kirche traf und den Pfarrer am Altar verletzte. Dieser konnte jedoch gerettet werden und der feierlichen Prozession mit den Reliquien des Heiligen nach Münstereifel nachfolgen.

Römischer und fränkischer Besiedlung folgend war die Abtei Brauweiler als religiöses Zentrum seit dem Jahr 1024 die weithin beherrschende Landmarke am erhöhten Rand des Rheintales mit Blick auf Köln. Vor der Westseite der Abtei entwickelte sich über Jahrhunderte ein einfaches Straßendorf. Seine umgebenden Freiflächen mit fruchtbarer Feldflur durchzogen wenige Straßen und zahlreiche Feldwege, welche die Mönche zum Schutz ihrer Nahrungsquellen und aller Bewohner ihres Herrschaftsgebietes in besonderem Maße der Gnade himmlischer Hilfe anvertraut hatten: Hilfreich in der Fürbitte der Passanten sollten traditionell die an einigen kreuzenden Wegen errichteten Bildstöcke und Wegekreuze sein. Bedeutsam waren nicht minder die an bestimmten Festtagen der Kirche dort vorbeiführenden Feldprozessionen aller Gemeindemitglieder mit Gebeten, Gesang und Andachten.

Die Gläubigen nutzten diese Stationen bei ihrer Zwiesprache mit Gott und den Heiligen, die sie zum Schutz vor Unglück, Unwetter, Hagel, Blitz und Feuer anrufen konnten.

Dementsprechend wurde die Figur des Heiligen Donatus in der Brauweiler Feldflur am Wegesrand zwischen dem Kloster und dem großen landwirtschaftlichen Hofverbund des Klosters um Freimersdorf platziert. Jeder konnte im Vorbeikommen ein Vaterunser beten und den Schutz dieses für die Ernte so wichtigen Heiligen erflehen.

Die Fürsorge der Mönche für diesen Heiligen ging so weit, dass sie seinem Standbild einen Regenschutz in der Form eines zeltartigen Baldachins gönnten, so dass auch er selbst vor den schlimmsten Unwettern geschützt war: Man half sich demnach gegenseitig. Ältere Aufnahmen zeigen das Bildwerk noch ohne Hintergrundbebauung und die inzwischen verlorene Einbindung in die freie Landschaft, über die der Blick bis nach Köln reichte. Zwei stattliche Laubbäume rahmten seine Gestalt.


Sockel und Standbild sind aus dem rheinischen Trachyt-Stein geschlagen, barocke Ornamentik mit einer zentralen Inschrift prägt die Form des unteren Steins. Der lateinische Text verrät über ein Chronogramm das Jahr 1779 als Jahr der Errichtung. Die Inbrunst, mit der der Heilige in antikem Gewand eines römischen Soldaten mit gefalteten Händen zum Himmel blickt, erinnert sehr an süddeutsche Vorbilder jener Zeit. An seinem Hinterkopf ist ein aus Eisenblech geschmiedeter Sonnennimbus befestigt, der mit Blattgold belegt ist. Zur Verbesserung der Standfestigkeit stützt ihn eine rückwärtige Eisenstrebe, die im Boden verankert wurde. Auch der grazile Baldachin ist mit seinem Stützsystem, auf dem Blattwerk und Blüten aufgebracht wurden, eine solide und handwerklich saubere Schmiedearbeit. Der Baldachin besteht aus wetterfestem Kupferblech, gibt aber mit seinen Schabrackenrändern einen stofflichen Eindruck. Ein Kreuzaufsatz mit Kugel bekrönt das Ganze. Sicher hat hier neben dem erfahrenen Bildhauer auch ein versierter Kupferschläger, wahrscheinlich aus Köln kommend, seine Kunstfertigkeit unter Beweis stellen dürfen.

In der barocken Erscheinungsform hat die Donatus-Figur am alten Standort, an der Wegekreuzung der heutigen Donatus-Straße und Helmholtzstraße, unmittelbar am Straßenrand bis heute unverrückt überdauert. Dies stellt eine besondere Wertigkeit dar in einer Zeit, die bei Straßenbaumaßnahmen nicht selten solche Landmarken willkürlich versetzt hat und damit die tradierte historische Einbindung entwertete.

In der topographischen Kartierung des französischen Vermessungsoffiziers Tranchot der Jahre 1807/1808 wird das Donatus-Standbild bereits genau an dieser Kreuzung verortet dargestellt. Der Karte sind auch weitere wichtige Stationen der in klösterlicher Zeit genutzten Prozessionswege um das Brauweiler Kloster zu entnehmen, in der Darstellung allerdings überragt von der besonderen Detaillierung des Donatus-Bildstocks. Dieses gilt es auch für die Zukunft am tradierten Standort zu schützen und zu bewahren.

Der Nahbereich des historisch verbürgten Standortes des Standbildes und der Denkmalbereich Freimersdorf sind möglicherweise durch die hier geplante Straßenbahntrasse Köln – Pulheim – Bergheim tangiert.

Literatur:
Frank Kretzschmar: Religiöse Orte an Rhein und Erft. Köln 2013, S. 155–157. / Peter Schreiner: Die ehemalige Benediktinerabtei St Nikolaus in Brauweiler. In: Klöster und Stifte im Erftkreis. Pulheim-Brauweiler 1988 (Beiträge zur Geschichte des Erftkreises 6; Erftkreis-Veröffentlichung 128), S. 107–132. / Peter Schreiner: Die Geschichte der Abtei Brauweiler bei Köln 1024–1802. Pulheim 2001, S. 471.


Autor

Dr. Frank Kretzschmar

Kunsthistoriker, ehemals Gebietsreferent Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege

fjkretzschmar@yahoo.de



Die Wasserversorgung in Neuss - gebaut mit architektonischem Anspruch

Die Untere Denkmalbehörde der Stadt Neuss hat kürzlich zwei Anlagen der wassertechnischen Infrastruktur in die Denkmalliste eingetragen. Das Wasserwerk am Broichhof, zwischen 1911 und 1914 nach Entwürfen des Neusser Stadtbaurats Carl Sittel erbaut, und das Wasserwerk Rheinbogen, ab 1954 vom Neusser Architekten Toni Maier entworfen, werden bis heute in ihrer ursprünglichen Funktion für die Wasserversorgung der Neusser Bevölkerung genutzt. Dank des kontinuierlichen und überwiegend behutsamen Bauunterhalts durch die Stadtwerke Neuss Energie und Wasser GmbH, sind beide Wasserwerke in bemerkenswert authentischen Überlieferungszuständen erhalten.

Den historischen Auftakt der technisierten Wasserversorgung in Neuss bildete der Bau des ersten städtischen Wasserwerks an der Weingartstraße im Jahr 1880. Mit dem Anschluss weiterer Haushalte an die öffentliche Wasserversorgung wurde die Errichtung eines zweiten Wasserwerks, demjenigen am Broichhof (Stadtwald, 1911–1914) erforderlich. Die Projektierung und der technische Ausbau der Anlagen oblagen jeweils dem Ingenieur Heinrich Scheven, der auch beim Bau des dritten Wasserwerks in Uedesheim beteiligt war. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs führten zum Zusammenbruch der Wasserversorgung in Neuss, die in der Nachkriegszeit rasch wiederhergestellt werden musste. 1954 wurde daher mit dem Bau eines vierten Wasserwerkes zwischen Grimlinghausen und Uedesheim, dem Wasserwerk Rheinbogen, begonnen, das 1956 den Betrieb aufnahm und im Folgenden näher vorgestellt wird.


Jene aufmerksame (Bei-)Fahrer*innen, die regelmäßig über die A 46 und die Fleher Brücke von Neuss in Richtung Düsseldorf fahren und ihren Blick über das Rheinufer schweifen lassen, werden das Wasserwerk Rheinbogen kennen. Vermutlich wird es selten als Wasserwerk und technisches Denkmal wahrgenommen, sondern vielfach als idyllisches, vom satten Grün der Rheinwiesen umgebenes Wohnhaus. Aber hinter der Fassade des nach Entwürfen Toni Maiers errichteten Gebäudes verbirgt sich tatsächlich ein Technikdenkmal. Das in konservativer, landschaftsgebundener und damit zeittypisch traditioneller Bauweise errichtete Gebäude dokumentiert über seine charakteristische Gestaltung eine der Haupttendenzen innerhalb der Entwicklung der Baukultur nach dem Zweiten Weltkrieg. Es handelt sich um einen eingeschossigen Baukörper aus massivem, überwiegend weiß geschlämmtem Ziegelmauerwerk, der nach Westen hin von einem weit abgeschleppten Dach abgeschlossen wird, während die östliche Satteldachseite wesentlich kürzer ausfällt. Die dadurch entstehende Verschiebung der Traufe führt zu einer asymmetrischen und zugleich belebten Gesamterscheinung. Auf der Westseite ist ein großzügig verglastes, übergiebeltes Blumenfenster eingebaut, das die Assoziation mit einem Wohnhaus verstärkt. Auch die Verwendung von dekorativen Gittern, Öffnungen mit Natursteingewänden, applizierte Wappen über den Türeingängen und der Einsatz unterschiedlicher Mauerverbände auf der Ostseite, unterstreichen die gefällige und überwiegend a-technische Gestaltung des Baukörpers. Im Inneren des Wasserwerks setzt sich im westlichen Bereich des Erdgeschosses der Wohnhauscharakter fort. Der vorhandene Besprechungsraum ist beispielsweise mit historischen Deckenleuchten, kannelierten stuckierten Wanddekorationen im Blumenfenster, hölzernen Heizungsverkleidungen und einem polychromen Mosaik mit zwei „Blumenbeeten“ ausgestattet. Im Osten schließt das Pumpenhaus an und hier beginnt der technische Bereich (das Pumpenhaus und die Brunnenanlage wurden von der Philipp Holzmann AG gebaut). Aufgrund der Erneuerung der technischen Ausstattung ist von ehemals vier Pumpen nur noch ein Pumpenkopf erhalten, der der Veranschaulichung der ursprünglichen Technik dient. Vom Pumpenraum führt eine bauzeitliche Treppe mit grünen Kunststeinstufen und aufwändig gestaltetem Geländer ins Untergeschoss. Das Untergeschoss ist der gestalterische Höhepunkt des Wasserwerks. Hier befindet sich der Sammelbrunnen, der von einem kreisrunden Brunnenhaus eingefasst ist. Das Brunnenhaus verfügt über eine hohe gemauerte Sockelzone, die mit zunächst einer halben Lage schwarzer Fliesen und fünf Lagen hellblauer Fliesen verkleidet ist. Hierauf folgt eine grau gestrichene Rahmenkonstruktion mit Lüftungsöffnungen, in die gebogenes Fensterglas in eloxierten Messingrahmen eingesetzt ist. Auch die Innenwände des Brunnenhauses sowie der Brunnenschacht sind mit türkisen Fliesen verkleidet und der Fußboden der Zwischenebene ist mosaiziert, wie beinahe im gesamten Untergeschoss. Das Brunnenhaus wird von vier quadratischen Stützen gerahmt, die ebenfalls mit hellblauen und schwarzen Fliesen verkleidet sind. Es besticht durch seine qualitätvolle Gestaltung und das hohe Maß an bauzeitlicher Substanz. Die technische Ausstattung besteht heute aus Unterwassermotorpumpen, die alten Bohrlochwellenpumpen wurden bereits vor geraumer Zeit ausgetauscht.

Insgesamt handelt es sich beim Wasserwerk Rheinbogen um eine ausgesprochen außergewöhnliche Anlage: Während es zur Jahrhundertwende bis in die Zwischenkriegszeit hinein noch üblich war, architektonisch und gestalterisch anspruchsvolle Gebäude für die technische Infrastruktur oder auch Industrieanlagen zu errichten, ist seit der Nachkriegszeit eine zunehmende Anspruchslosigkeit und ein schwindender Qualitätsanspruch bei der architektonischen Gestaltung der baulichen Hüllen bei Bauten der Infrastruktur, der Industrie und der produzierenden Betriebe festzustellen. Das Wasserwerk Rheinbogen stellt in diesem Kontext eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Der Architekt Toni Maier schuf eine qualitätvolle architektonische Hülle, die an den Wohnhausbau angelehnt war, und sich harmonisch in die Landschaft einfügt. Dabei wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit keine Kosten gescheut: das Innere ist qualitätsvoll und repräsentativ gestaltet. Das gilt nicht nur für die Gemeinschaftsräume, sondern insbesondere für das Brunnenhaus der Philipp Holzmann AG, das nicht für Publikumsverkehr vorgesehen war und dennoch eine überaus aufwändige und kostenintensive Gestaltung zeigt. Das Wasserwerk Rheinbogen dokumentiert, auch im Kontext mit dem Wasserwerk Broichhof, den kontinuierlichen Anspruch der Stadt Neuss und der Stadtwerke Neuss an die architektonische Gestaltung ihrer baulichen (und technischen) Anlagen. Darüber hinaus ist das Wasserwerk ein anschauliches Zeugnis für die Geschichte der technisierten Wasserversorgung der Stadt Neuss und für den Wiederaufbau der Neusser Infrastruktur nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, weshalb es am 04.02.2019 unter der laufenden Nummer 9/13 rechtskräftig als Baudenkmal in die Denkmalliste der Stadt Neuss eingetragen wurde.


Autorin

Nadja Fröhlich M.A.

Referentin Inventarisation

nadja.fröhlich@lvr.de



Am stählernen Faden: Hänge- und Schrägseilbrücken

Die großen Hänge- und Schrägseilbrücken über den Rhein zählen mit weithin sichtbaren Pylonen, filigranen Tragkabeln und großen Spannweiten zu den beeindruckenden Ingenieurbauwerken des 20. Jahrhunderts im Rheinland. Als Symbole fortschrittlicher Mobilität entstanden, sind nun gleich mehrere dieser bedeutenden Nachkriegsbauten zwischen Bonn und Emmerich durch den ungebremsten Erfolg der Massenmotorisierung in ihrer Existenz bedroht.

Die Zeit der seilgetragenen Strombrücken im Rheinland begann 1938–41 mit dem Bau der Rodenkirchener Brücke im Süden von Köln. Die vom Ingenieur Fritz Leonhardt mit Prof. Karl Schächterle, Paul Bonatz und Gerd Lohmer als Prestigeprojekt für den Reichsautobahnbau errichtete Stahlkonstruktion war die erste echte Hängebrücke Deutschlands und seinerzeit größte Konstruktion dieser Art in Europa. Das Bombardement der alliierten Streitkräfte brachte sie 1945 zum Einsturz; nach Kriegsende war zwischen Basel und Emmerich am Rhein keine einzige Rheinquerung mehr nutzbar.

Ihr Wiederaufbau hatte daher höchste Priorität. Von 1947 bis 1960 wurden zwischen Bonn und Krefeld zehn Rheinbrücken errichtet, sechs davon mit Seiltragwerken. Fritz Leonhardt war an vier dieser Bauten maßgeblich beteiligt und führte dabei zahlreiche Innovationen in den deutschen Brückenbau ein. Mit der Nordbrücke (Theodor-Heuss-Brücke) entwickelte er für die Stadt Düsseldorf ab 1952 eine Schrägseilbrücke, die 1954–57 realisiert wurde, weltweit zu den ersten Bauten dieser Art zählte und den weiteren Rheinbrückenbau maßgeblich prägte: Bis 2009 wurden zwischen Bonn und Rees elf weitere Schrägseilbrücken errichtet. Die 1965 von Hellmuth Homberg entworfene Rheinbrücke Leverkusen war die erste, die das neue Tragprinzip für eine Autobahnüberführung nutzte. Homberg war im gleichen Jahr – gemeinsam mit dem Architekten Heinrich Barthmann – auch für die bislang einzige weitere Hängebrücke am Rhein verantwortlich: Die Rheinbrücke Emmerich, die bis heute mit einer Stützweite von 500 Metern die am weitesten gespannte Brücke Deutschlands ist.

Alle diese Bauwerke bezeugen den Siegeszug des automobilen Individualverkehrs mit seinen Folgen. Seit 1957 ist die Zahl der zugelassenen PKW in Deutschland von 2,3 auf 46,5 Millionen gestiegen. Sie verkehren gemeinsam mit Millionen Lastkraftwagen auf einem Straßennetz, das mit mehr als 889.000 Kilometern Länge zu den bedeutendsten Infrastrukturen des Landes zählt. Nirgends wird diese Bedeutung anschaulicher als an den Querungen großer Flüsse und Täler, die nur mit Hilfe landschaftsprägender Ingenieurbauwerke zu bewerkstelligen sind. Fünf Hänge- und Schrägseilbrücken in Köln, Düsseldorf und Emmerich stehen daher schon unter Denkmalschutz, mit der beantragten Eintragung der Düsseldorfer Rheinkniebrücke wird diese Zahl wachsen.

Die Bausubstanz der Rheinbrücken wird nun ausgerechnet durch jenes Verkehrsaufkommen zermürbt, welches durch ihren Bau erst möglich wurde. Zum einen drohen dramatisch gestiegene Fahrzeugzahlen und höhere Achslasten die Traglastreserven vieler Brücken zu überschreiten, zum anderen führen die ständig wechselnden Belastungen durch den überfahrenden Verkehr zur Ermüdung der verwendeten Baustoffe und erhöhen die Gefahr kritischer Rissbildungen – eine Problematik, die besonders Stahl- und Stahlbetonkonstruktionen betrifft. Die zur Bauzeit neuartigen Tragseilbündel zeigen heute vielfach Korrosion. Aber auch Frost und Tausalze, UV-Einstrahlung und außerplanmäßige Belastungen (z. B. durch Freigabe der Standspuren) verursachen Bauwerksschäden.


In der Konsequenz weisen viele Straßenbrücken der Nachkriegszeit bereits nach 50–60 Jahren gravierenden Verschleiß auf – lange, bevor sie ihre geplante Lebensdauer erreicht haben, und häufig auch vor einer Betrachtung durch die Denkmalpflege. Ihre Sanierung ist – gerade unter der Maßgabe, Brückensperrungen zu vermeiden – logistisch komplex, technisch herausfordernd und kostenaufwändig. Vielen Bauwerken droht daher der Abriss. Für die Rheinbrücke Leverkusen (1965) wird derzeit ein Ersatz errichtet, Abbrüche der Bonner Friedrich-Ebert-Brücke (1971) und der Fleher Brücke (1979) in Düsseldorf wurden laut Zeitungsberichten jüngst beschlossen. Auch geschützte Bauwerke sind bedroht: Die laufende Instandsetzung der Mülheimer Brücke in Köln hat bereits wichtige denkmalwerte Bauwerksteile aufgegeben, ein (Teil-)Neubau der Theodor-Heuss-Brücke in Düsseldorf ist im Gespräch und der Rodenkirchener Brücke in Köln droht ein Ausbau auf acht Spuren, der Presseberichten zufolge den Abbruch des Bauwerks nötig machen soll.

Dass aber ein mehrspuriger Ausbau nicht zwangsläufig zum Abriss führen muss, zeigt gerade die Rodenkirchener Brücke, die bereits 1990–94 schon einmal um zwei Fahrspuren erweitert wurde. In Abstimmung mit der Denkmalpflege wurde die genietete Altkonstruktion damals in moderner Schweißausführung verdoppelt. Wie auch immer man diese Entscheidung heute bewerten mag – sie müsste Ansporn geben, nach Wegen einer denkmalgerechten Erhaltung zu suchen.


Autor

Dipl.-Ing. Rasmus Radach

Referent Technik- und Industriedenkmalpflege

rasmus.radach@lvr.de



Schacht Gerdt in Duisburg-Homberg. Beim Strukturwandel ist "noch nicht Schicht"

Die direkt am Rhein gelegene, nach einem naheliegenden Weiler "Schacht Gerdt" benannte, ehemalige Schachtanlage im linksrheinischen Stadtteil Duisburg-Homberg ist auch heute noch ein weitgehend authentisch erhaltenes, eindrucksvolles Zeugnis für die letzte Entwicklungsstufe des linksrheinischen Steinkohlebergbaus im Duisburger Raum. Die meisten der heute erhaltenen Gebäude wurden erst 1955–59 auf dem Schachtgelände errichtet, auf dem es ab 1943 zur Abteufung des "Schacht 8" (in der Zählung des Grubenfeldes Rheinpreussen) gekommen war. Ihre Umnutzungsgeschichte hat gerade erst begonnen.

Der Abbau des Grubenfeldes Rheinpreussen begann mit den ersten Versuchen im linksrheinischen Homberg durch den Ruhrorter Kaufmann Franz Haniel um 1857. Ausgehend von dem bis heute teilweise erhaltenen ehemaligen landwirtschaftlichen Gut Haniel wuchsen dessen linksrheinische Bergbauunternehmungen ab 1880 in erheblichem Umfang. Sie waren mit den zahlreichen Zechenstandorten und zugehörigen Arbeiterwohnsiedlungen wesentliche Faktoren der Wirtschafts- und Siedlungsentwicklung im Raum Duisburg-Homberg und Moers. Die einzelnen Standorte wurden im Laufe der über 150-jährigen Entwicklung – auch in Abhängigkeit vom untertägigen Abbaufortschritt – in wechselnden ökonomischen und technischen Verbünden zusammengeschlossen. Der nahezu als letzter Standort von Rheinpreussen abgeteufte Schacht Gerdt war dabei von vorneherein als kleinere Außenschachtanlage konzipiert worden, die gegenüber den vorhandenen Großzechen in Duisburg-Homberg und Moers eher eine dienende Funktion hatte. Die Gebäude von Schacht Gerdt, allen voran der prägende Förderturm, waren zwar für die Beförderung von Personen (Seilfahrt) und Material gebaut worden, jedoch wurde ersteres schon 1967 wieder aufgegeben und die Anlage diente bis zum endgültigen Betriebsende 2008 nur noch als Wetter- und Materialschacht. Von den Rheinpreussen-Schachtanlagen ist außer Schacht Gerdt lediglich der Malakow-Turm (Baujahr 1879) und eine Werkhalle von Schacht 1/2 in Duisburg-Homberg übriggeblieben. Damit kann die über 150-jährige Abbaugeschichte des Grubenfeldes Rheinpreussen anhand authentischer baulicher Zeugnisse ausschließlich an diesen beiden Standorten vermittelt werden. Ein erster Schritt wurde für Schacht Gerdt bereits getan: er ist 2021 neu auf die Themenroute 17 ("Rheinische Bergbauroute") der Route der Industriekultur gesetzt worden.

Die Entwürfe für die erhaltenen obertägigen Gebäude werden dem Essener Industriearchitekten Fritz Schupp (1896–1974) zugeschrieben, der bereits unmittelbar nach dem Krieg seine umfangreiche Entwurfstätigkeit für Industrieanlagen des Steinkohlebergbaus wiederaufgenommen hatte. Dessen gemeinsam mit Martin Kremmer (1895–1945) bereits in den 1920er-Jahren entwickelte, spezielle Interpretation der Stahlfachwerkbauweise als teilweise vorgehängte Konstruktionen ohne sichtbare aussteifende Elemente ermöglichte bei Schacht Gerdt eine ebenso homogen und flächig gestaltete Außenhaut wie bei ihrem bekanntesten Werk, den Gebäuden der Zeche Zollverein in Essen. Hervorzuheben ist bei Schacht Gerdt, dass anstelle eines Fördergerüsts die Bauart des eher selten gebauten, kompakten Förderturms gewählt wurde, die den Vorteil bot, dass die Fördermaschinen und die zugehörige Mechanik komplett vor Witterungseinflüssen geschützt waren. Wie von vielen anderen Entwürfen von Schupp/Kremmer bekannt, sind auch hier alle vier Fassaden des Förderturms durch die mittige Anordnung einer vertikal von oben nach unten durchlaufenden, fein gegliederten Verglasung strukturiert. Die Maschinenebene im oberen Bereich des Turms verfügt zusätzlich über vier filigrane, auskragende Balkons. 1978 und 1986 wurden dann ohne Architektenbeteiligung noch die ebenfalls gestaltprägenden Diffusoren (Entlüftungsanlagen) aus Beton als Ersatzneubauten für ältere Anlagen gleicher Funktion ergänzt. Bezogen auf die mitunter dynamische Entwicklung der Nachkriegsarchitektur in Deutschland ist Schacht Gerdt somit ein Beispiel für die nahezu unveränderte Anwendung eines klassisch-modernen Entwurfsvokabulars aus dem Industriebau der Vorkriegszeit.


Mit der endgültigen Aufgabe der bergbaulichen Nutzung um 2008 geriet Schacht Gerdt in den Fokus der Denkmalerfassung und wurde 2012 auf der Basis eines umfangreichen Gutachtens als Denkmal geschützt. In diesem Zeitraum fand auch der Verkauf der Anlage an einen privaten Investor statt, der sich seitdem bemüht, die Anlage einer Nutzungsmischung aus Gewerbe- und Wohnpark zuzuführen. Der als Landmarke weithin sichtbare Förderturm soll dabei ebenso wie die angrenzenden Hallen als Trainingszentrum für Feuerwehren, technisches Hilfswerk und sonstige Rettungsdienste genutzt werden, während im Umfeld schrittweise weitere Baukörper ergänzt werden sollen. Im Hinblick auf die Umnutzung und bauliche Erweiterung des Zechengeländes erweist sich die Zusammenführung der unterschiedlichen umweltrechtlichen, planungsrechtlichen, baurechtlichen und denkmalpflegerischen Sichtweisen auf das Projekt derzeit aber leider als schwierig. Die Alleinlage der Anlage in der an dieser Stelle überwiegend naturräumlich geprägten Rheinaue stellt dabei sowohl ein Qualitätsmerkmal wie auch ein Konfliktpotenzial dar, welches insbesondere die bauliche Erweiterung erschwert. Die angestrebte und in kleinerem Umfang bereits stattfindende Umnutzung des Förderturms, der angrenzenden Nebengebäude und Anlagenteile allein ist wirtschaftlich für sich genommen kaum auskömmlich. Aus Sicht der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Duisburg und des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) erscheint die maßvolle Ergänzung des denkmalgeschützten Gebäudebestandes auf dem Schachtgelände sinnvoll und notwendig, um genug Einkommen für den dauerhaften Erhalt der Schachtanlage zu generieren.

Das bei Schacht Gerdt vorhandene, seltene Szenario der Nachnutzung einer Schachtanlage als bislang ausschließlich privatwirtschaftliches Unterfangen steht im Gegensatz zu den meisten Entwicklungen an anderen vergleichbaren Standorten im Ruhrgebiet. Viele wurden bzw. werden massiv durch die öffentliche Hand oder Stiftungen mit Beteiligungen der öffentlichen Hand entwickelt und unterstützt (z. B. die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, Dortmund). Annähernd Vergleichbares fehlt bislang jedoch für das privatwirtschaftliche Engagement bei Schacht Gerdt. Aus Sicht des LVR-ADR verdient es aber nicht nur große Anerkennung, sondern vor allem auch bestmögliche öffentliche Unterstützung – sowohl aus umwelt-, planungs- und baurechtlicher Sicht als auch ggf. finanziell. In der Entwicklung des Standortes Schacht Gerdt besteht schließlich nicht nur eine Chance für den Erhalt eines wichtigen Zeugnisses der Duisburger Bergbaugeschichte, sondern auch für einen städtebaulichen und wirtschaftlichen Impuls in Duisburg-Homberg im Sinne eines erfolgreichen Strukturwandels.


Autor

Dipl.-Ing. Thorsten Schrolle

Gebietsreferent Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege

thorsten.schrolle@lvr.de



Denkmal Aachener Dom. Ein Eintragungstext ist in die Jahre gekommen

Als 1978 die Welterbeliste der UNESCO begründet wurde, gehörte der Aachener Dom zu den ersten zwölf aufgelisteten internationalen Stätten und war damit gleichzeitig auch die erste Welterbestätte in Deutschland. Zwei Jahre später trat das nordrhein-westfälische Denkmalschutzgesetz in Kraft, das in § 3 den Unteren Denkmalbehörden der Kommunen die Führung der Denkmalliste zuwies, in die alle Baudenkmäler, Bodendenkmäler, Denkmalbereiche und beweglichen Denkmäler eingetragen werden. Am 19. Juli 1982 wurde der Aachener Dom als erstes Baudenkmal mit der laufenden Nr. 1 in die Denkmalliste der Stadt Aachen aufgenommen. Der damalige Eintragungstext, maschinenschriftlich auf einer Karteikarte festgehalten, war zwölf Zeilen lang. Am 21. Juni 1990 wurde er anlässlich der anstehenden Restaurierung mit vier Zeilen zur Orgel ergänzt, die damit ausführlicher gewürdigt wurde als etwa der gesamte karolingische Bau. Für eine der frühen Denkmaleintragungen ist ein solcher Zustand durchaus nicht ungewöhnlich, aber trotzdem unbefriedigend. In derartigen Fällen nimmt das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) daher in engem Zusammenwirken mit den Unteren Denkmalbehörden anlassbezogen eine Überarbeitung vor, wenn sich etwa grundlegende neue Erkenntnisse ergeben haben und/oder eine anstehende Baumaßnahme eine Präzisierung der Denkmaleigenschaft dringend erforderlich macht.

Die Anforderungen an einen Denkmallistentext sind dabei durchaus hoch: Er soll eine Darstellung der wesentlichen charakteristischen Eigenschaften des Denkmals und seiner Ausstattung enthalten, den Denkmalumfang und seine Lage exakt bezeichnen und die Begründung des Denkmalwerts anhand der Tatbestandsmerkmale in § 2 Denkmalschutzgesetz NRW darlegen. Hierzu gehören die Bedeutung für die Geschichte des Menschen, für Städte und Siedlungen und/oder für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse. Außerdem muss mindestens eine Begründung dafür vorliegen, dass an der Erhaltung und Nutzung des Denkmals ein öffentliches Interesse besteht, wozu künstlerische, wissenschaftliche, volkskundliche und städtebauliche Gründe angeführt werden können. All dem wurde der knappe Eintragungstext zum Aachener Dom kaum gerecht. Hinzu kam, dass während der Generalsanierung in den vergangenen rund 25 Jahren von der Dombauleitung und dem LVR-ADR umfangreiche Bauuntersuchungen und Forschungen durchgeführt und dabei neue Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Das "Karlsjahr" 2014 erinnerte mit großen Ausstellungen an den Tod Karls des Großen vor 1.200 Jahren und erbrachte neue Veröffentlichungen aus historischer, kunst- und architekturhistorischer sowie archäologischer Sicht. Nicht zuletzt hierdurch war der 38 Jahre alte Eintragungstext nun endgültig überholt und der Bedeutung der Welterbestätte Aachener Dom nicht länger angemessen.


Die Defizite waren offensichtlich: Der bisherige Text bestand aus einer rein summarischen Auflistung von Bauteilen und Jahreszahlen zur Kirche. Einzelne Teile der Ausstattung waren ebenfalls benannt, ansonsten wurde auf die – allerdings sehr genaue und umfassende – Katalogisierung des Domschatzes von Ernst Günther Grimme (Aachener Kunstblätter, Bd. 42, Düsseldorf ²1973) verwiesen. Neben dem eigentlichen Kirchenbau wurden der "Kreuzgang und alle umliegenden Bauten vom 8. bis zum 20. Jh." erwähnt, ebenso die Taufkapelle am Eingang zum Atrium sowie „das Gitter 19. Jh. und Außenanlagen Münsterplatz“. Diese lapidare Aufzählung macht deutlich, dass es bei der neuerlichen Bewertung zunächst einmal um eine genaue Bestimmung des Denkmalumfangs gehen musste. Welche Bauten und baulichen Anlagen, welche baufeste und bewegliche Ausstattung, welche Freiflächen und Einfriedungen gehören zum Denkmal Aachener Dom? Dazu wurden die drei Bereiche Kirche, Atrium und Kreuzgang in ihrer Lage im Stadtbild, ihrer räumlichen Untergliederung, den zugehörigen Bauten, Ausstattungsstücken und Freiflächen in den Blick genommen. Es fehlte weiter an einer Darstellung der charakteristischen Eigenschaften des Denkmals, angefangen beim karolingischen Kernbau über die gotische Chorhalle und die Kapellenbauten bis hin zu den barocken Veränderungen und den baulichen Maßnahmen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Wiederherstellungsmaßnahmen nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, insbesondere die Neubauten am Kreuzgang durch Felix Kreusch, wurden als ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des Aachener Doms neu gewürdigt. Hierzu gehört auch die jüngere Ausstattung, etwa die von Ewald Mataré und anderen Künstler*innen entworfenen Fensterverglasungen, die in den 1950er bis 1990er Jahren entstanden. Historische und jüngere Ausstattungsstücke, die zur Geschichte des Bauwerks gehören, aber bei Grimme nicht erfasst und bisher meist wenig beachtet worden sind, fanden ebenfalls Berücksichtigung. Hier sind insbesondere die Ausstattungen in den zahlreichen Kapellen oder im Kreuzgang aufbewahrte Stücke zu nennen, angefangen von einer gotischen Steinzange zum Heben von Quadern, die beim Bau der Chorhalle und der Kapellen zum Einsatz kam, bis hin zur sogenannten Wespienmadonna aus dem 18. Jahrhundert, die ursprünglich von einem Aachener Bürgerhaus stammte.

Die so erstellte Fortschreibung des Eintragungstextes ist ein umfangreiches Gutachten zum Denkmalwert geworden, das 37 Textseiten umfasst und damit der künstlerischen und historischen Bedeutung des Baudenkmals Aachener Dom, seinem räumlichen Umfang, seiner Lage und städtebaulichen Wirkung, seiner baulichen Entwicklung von den karolingischen Ursprüngen bis heute sowie seiner Ausstattung Rechnung trägt.

Abschließend erfolgte eine ausführliche Begründung des Denkmalwertes anhand der gesetzlichen Kriterien. Die Verfasserin, die selbst lange Jahre am Aachener Dom geforscht hat, erstellte das Gutachten in enger Zusammenarbeit mit weiteren Fachleuten des LVR-ADR: Dr. Oliver Meys als Inventarisator, Maria Kampshoff als zuständiger Gebietsreferentin und Philipp F. Huntscha als wissenschaftlichem Volontär. Der Aachener Dombaumeister Helmut Maintz und Andreas Priesters von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Aachen haben ebenso mitgewirkt. Der neue Denkmaltext soll in Zukunft eine schnelle und präzise Orientierung darüber ermöglichen, was genau das Denkmal Aachener Dom ausmacht und umfasst, um damit seiner weiteren Erhaltung und Nutzung zu dienen. Er wurde durch den Eintrag in die Denkmalliste der Stadt Aachen am 19.05.2021 rechtskräftig.


Autorin

Foto: Dr. Ulrike Heckner

Dr. Ulrike Heckner

Abteilungsleiterin Dokumentation

ulrike.heckner@lvr.de



Brühl: Venedig wiederentdeckt?

Nein, bei dieser Nachricht handelt es sich nicht, wie man vermuten könnte, um einen Reisebericht in Pandemiezeiten, sondern um die Wiederentdeckung einer Wandmalerei mit der Ansicht einer am Wasser gelegenen Stadt. Das Wandbild kam bei Renovierungsmaßnahmen unter mehreren Tapetenschichten im Foyer eines denkmalgeschützten Brühler Wohnhauses zu Tage, einem Gründerzeitbau aus dem Baujahr 1900, der auf einen Entwurf des rheinländischen Architekten Jean Schmitz (1852–1937) zurückgeht. Nach Kontaktaufnahme der Eigentümerin mit dem LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland erfolgte die fotografische Dokumentation des Bildes durch die Abteilung Bauforschung sowie die Untersuchung der Malerei und ihres Zustandes durch das Team Restaurierung in unserem Haus.

Wiederentdeckt und freigelegt wurde die monochrome Ansicht einer Panoramalandschaft über etwa 3,50 Meter Länge. Im Fokus der Malerei liegt ein Gewässer mit dort passierenden Schiffen und dessen Ufer. Im Bildvordergrund steht eine einbogige Fußgängerbrücke mit Skulpturen auf den vorderen Balustradenpfeilern. Dem Augenschein nach handelt es sich dabei um sitzende Löwen. Von dort aus geht der Blick über das Wasser in Richtung Horizont, wo ein gekuppelter Baukörper zu sehen ist. Im Hintergrund der Brücke ist ein Turm abgebildet, ein weiterer kleiner Turm mit Spitzdach befindet sich unmittelbar daneben. Eine ganz ähnliche Gebäudeabfolge und geografische Situation finden wir in Venedig: Stimmt die Vermutung, so wären die Kuppeln der barocken Kirche Santa Maria della Salute und der Markusturm abgebildet und wir würden in die Öffnung des Canale Grande blicken. Bei genauerer Betrachtung ist jedoch erkennbar, dass die Balustrade der besagten Brücke in Art und Ausführung in heutiger Zeit keiner der Brücken an dieser Stelle der venezianischen Bucht zuzuordnen ist und der Markusturm um ein paar Öffnungen in der Fassade und ein Kirchenschiff reicher ist. Handelt es sich bei der beschriebenen Darstellung also doch um eine fiktive Stadtansicht?

Hinsichtlich eines möglichen Vorbilds wirft auch die Maltechnik interessante Aspekte auf: Maltechnisch handelt es sich um eine Öl- oder Temperamalerei, also um eine Secco-Technik, bei der ein flüssiges Malmittel auf trockenem Grund aufgebracht wird. Die heute gelblich verfärbte Oberfläche wird durch einen gealterten Firnis bestimmt, der die Malereioberfläche schützen soll und zugleich für den Oberflächenglanz sorgt. Zudem liegt eine vergraute Schicht auf – sicherlich Reste eines mit dem Quast aufgetragenen Kleisters der ehemaligen Überklebung des Wandbildes. Dementsprechend beeinträchtigt erscheint die Malerei im freigelegten Zustand.


Das Wandbild wurde monochrom in einem dunklen Blau auf hellem Grund ausgeführt, es erhielt lediglich für die Darstellung von Lichtern Höhungen in Weiß. Die Oberfläche der Malerei ist sehr glatt, nur im Bereich der Lichter ist ein pastoser Auftrag von weißer Farbe mit stark ausgeprägtem Pinselduktus erkennbar. Die Art der Ausführung erinnert an niederländische Fayencemalerei. Im Gegensatz zur klassischen Grisaille, also einer in grauen, weißen und schwarzen Tönen gehaltenen Malerei, die zugleich eine beliebte Maltechnik in der Wandmalerei darstellte, hat Blaumalerei oder Blaugrisaille ihren Ursprung in der chinesischen Porzellanmalerei. Die wohl bekannteste Stadt für die Herstellung von Keramik mit Blaumalerei ist Delft in den Niederlanden. Insgesamt erinnert die Brühler Wandmalerei in ihrer Technik, Farbigkeit und Motivwahl an eine diese Art der Fayencemalerei. Blaumalerei findet sich interessanterweise an anderer Stelle in Brühl. In Schloss Augustusburg (zwischen 1725 und 1728 errichtet) zum Beispiel wurde im sogenannten Blauen Winterappartement (um 1730/1740) eine Vedute als Bekrönung einer Ofennische "Blau in Blau" ausgemalt. In weit größerem Umfang finden wir die Blaumalerei neben den "originalen" Vorbildern – etwa 10.000 Rotterdamer Fliesen in blauer Inglasurmalerei auf weißem Grund – unter anderem im Treppenhaus von Schloss Falkenlust (Grundsteinlegung im Jahre 1729), das nach Entwürfen von Stephan Laurenz de la Roque bemalt wurde.

Das blaue Fliesendekor aus dem Treppenhaus in Schloss Falkenlust in Brühl wurde samt Fugenbild mittels der Malerei im Bereich der Unterseite der Treppe und unter dem Podest aufgemalt /imitiert (1970 aufgedeckt und restauriert vom LVR-ADR). Bei der Stadtansicht im Treppenhaus des Wohnhauses fehlen aber solche gemalten Fugen.

Könnten dies also Vorbilder für die Malerei im Foyer des Gründerzeitbaus an der Kaiserstraße gewesen sein? Wie bei Porzellan oder Keramik kam hier die blaue Farbe lasierend zum Einsatz. Dadurch erscheint das Bild regelrecht mehrfarbig und erhält eine hohe Tiefenwirkung. Darstellungen des Vordergrundes sind deckender gemalt als die sehr lasierend ausgeführten Szenen und das Stadtbild im Bildhintergrund. Der Bilduntergrund ist weiß oder leicht abgetönt mit Ocker oder Umbra angelegt. Das Bild zeichnet sich nicht nur durch eine lebendige Komposition, sondern auch durch eine lockere Pinselführung aus. Hat sich der Künstler oder die Künstlerin hier die Porzellan- oder Keramikmalerei generell zum Vorbild genommen? Die Imitation von hochwertigerer Materialität mit Hilfe von Wandmalerei gehört jedenfalls zu einer der Hauptaufgaben der Wandmalereitechnik. Zum Beispiel bildet auch eine Marmorimitation den Sockel der blauen Stadtansicht.

Anhand der untersuchten Schichtenfolge ist die freigelegte Malerei nicht der Entstehungszeit des Gebäudes zuzuordnen, sondern einer etwas später ausgeführten Renovierungsphase. Unterhalb der Malerei finden sich Reste einer ursprünglichen, floralen Dekorationsmalerei auf grünem Hintergrund.

Die später darüber angebrachte Wandmalerei ist mehrere Jahrzehnte weitgehend unbeschadet in einem Dornröschenschlaf unter Tapetenschichten geschützt gewesen. Bis auf einige Kratzer und altersbedingte Veränderungen ist der Gesamtzustand aus konservatorischer Sicht als gut zu bewerten. In Zukunft dürfen sich die Denkmaleigentümer*innen an dieser maritimen Szenerie erfreuen, hoffentlich bald in restauriertem Zustand. In einem Gutachten durch die Restauratorinnen für Wandmalerei in unserem Haus wurden verschiedene Maßnahmen zur Erhaltung und Präsentation des wiederentdeckten Wandbildes empfohlen.

Ob es sich bei der dargestellten Stadt am Wasser nun tatsächlich um Venedig oder doch um eine andere, möglicherweise fiktive Stadtansicht handelt, bleibt weiterhin offen – tut der angestrebten Koservierung und Restaurierung des schönen Bildes aber keinen Abbruch.


Autorin

Stefanie Gatzke M.A.

Abteilung Restaurierung/Werkstatt für anorganische Materialien

stefanie.gatzke@lvr.de



Westbau von St. Pantaleon in Köln – Über 1000 Jahre altes Bauholz gefunden

Der Westbau von St. Pantaleon ist ein beeindruckendes Zeugnis frühmittelalterlicher Architektur, das die Forschung immer wieder beschäftigt. Derzeit wird das Bauwerk aufwändig saniert und das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) führt eine begleitende Bauuntersuchung durch. Dabei kam ein überraschender Fund zutage: In der Marienkapelle sind unter dem Verputz eines Gewölbes Reste von originalen Bauhölzern entdeckt worden, die zu einem mittelalterlichen Baugerüst gehörten.

Bisher galt das Gewölbe als nachträglich eingezogen, aber die Hölzer und die gesamte Bautechnik bezeugen, dass es zum originalen mittelalterlichen Baubestand gehört. Das mächtige Gewölbe ist aus großen Tuffsteinen gemauert. Auch römische Quader wurden „recycelt“ und mit verbaut. Die Bauleute errichteten zunächst eine hölzerne Hilfskonstruktion mit einer Bretter-Verschalung, die das Gewölbe stützte, solange der Mörtel noch nicht fest war. Die Schalbretter aus Eichenholz waren zwischen der Gewölbedecke und der Wand fest eingemauert, damit sie die schwere Last tragen konnten. Die hölzerne Schalung wurde wieder entfernt, sobald der Mörtel erhärtet und das Gewölbe tragfähig war. Doch dabei blieben Reste der Bretter in der Wand stecken.

Nur selten finden sich noch solche Spuren von hölzernen Hilfskonstruktionen, daher ist der Fund in St. Pantaleon höchst außergewöhnlich. Er gibt Aufschluss über die mittelalterliche Bautechnik und er verrät uns, wie alt das Gewölbe ist. Zwei Holzproben wurden zur Radiocarbonuntersuchung in das Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der Universität Kiel geschickt. Anhand des Zerfalls von Kohlenstoff-Isotopen konnte das Alter des organischen Materials bestimmt werden. Das Ergebnis ordnet die Hölzer in einen Zeitraum zwischen 892 und 992 ein. Sie sind also über 1000 Jahre alt.


Die neue Holz-Datierung bestätigt die überlieferte Baugeschichte von St. Pantaleon. Die historischen Quellen berichten über eine Grundsteinlegung 964 zur Vergrößerung des Kirchenbaus, wozu der 965 gestorbene Erzbischof Brun in seinem Testament die beachtliche Summe von 300 Pfund zur Verfügung gestellt hatte. Auch Kaiserin Theopanu, die 991 in der Kirche begraben wurde, bedachte Pantaleon mit reichen Schenkungen. Eine Datierung des Westbaus in diese Zeit wurde jedoch aus stilistischen Gründen in der kunsthistorischen Forschung zuletzt oft angezweifelt. Zu fortschrittlich erschienen die Bauformen, daher wurde eine Entstehung im 11. Jahrhundert, meist um 1020/30, angenommen. Das ist nach den Ergebnissen der Holzdatierung jedoch sehr unwahrscheinlich geworden.

Die Holzdatierung bekräftigt dagegen die Einordnung des Westbaus von St. Pantaleon als ein außergewöhnliches Werk der ottonischen Baukunst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhundert, in der Zeit von Erzbischof Brun und Kaiserin Theophanu. Bauuntersuchung und 3D-Vermessung des Gewölbes werden wichtige neue Aufschlüsse über die Entwicklung und Ausführung des frühmittelalterlichen Gewölbebaus ergeben, über die Baukonstruktion und Technik, über Lehrgerüste und Geometrie. Die eher unscheinbaren Holzreste sind unmittelbare Zeugnisse der Bauabläufe von vor über 1000 Jahren, und es ist ein ungeahnter Glücksfall, dass sie sich bis in die heutige Zeit erhalten haben.


Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Aufsatz "Über 1000 Jahre altes Bauholz im Westbau von St. Pantaleon in Köln entdeckt" von Dr. Ulrike Heckner in unserer Hauszeitschrift "Denkmalpflege im Rheinland", Heft 2/2021, S. 1-8:

Autorin

Foto: Dr. Ulrike Heckner

Dr. Ulrike Heckner

Abteilungsleiterin Dokumentation

ulrike.heckner@lvr.de



Weiterer Fund von Kalksinter am Turm der evangelischen Kirche in Gummersbach

Über die im Mittelalter aus der römischen Eifelwasserleitung gebrochenen und zu Säulen, Altarplatten, Füllungen für Chorschranken und anderen Schmucksteinen verarbeiteten Kalksinterablagerungen wurde in der Zeitschrift "Denkmalpflege im Rheinland" des LVR-Amtes für Denkmalpflege zuletzt 2018 berichtet. Dabei wurden Neufunde des in seiner Verwendung und heutigen Erhaltung insbesondere von Klaus Grewe in mehreren Publikationen nahezu lückenlos dokumentierten Materials an den romanischen Türmen in Engelskirchen, Ründeroth und Gruiten vorgestellt. Ein weiterer Neufund von Säulen aus Kalksinter konnte jüngst im Zuge der Sanierung des Turmes der evangelischen Kirche in Gummersbach entdeckt werden.

Der mächtige, kaum gegliederte Turm des 12. Jahrhunderts mit seinen Giebelaufsätzen des späten 12. oder frühen 13. Jahrhunderts als ältestem Teil der heutigen Anlage erhebt sich vor dem teils noch aus romanischer und vor allem aus gotischer Zeit stammenden Kirchenbau. Der heute das Gebäude prägende, weiß gestrichene Verputz stammt von 1967, als die Steinsichtigkeit der historistischen Restaurierung von 1899 zugunsten eines als historisch richtig empfundenen Verputzes der Kirche aufgegeben wurde. Der mehrere Zentimeter starke, zementgebundene Putz ist äußerst hart. Aufgrund der unterschiedlichen Ausdehnungskoeffizienten von Mauerwerk und Zementputz sowie der damit verbundenen Spannungen, vor allem auf der Westseite des Turmes, hatte sich der Putz großflächig vom Untergrund abgelöst, was die derzeit laufende Instandsetzung zwingend notwendig machte. Nach ausführlichen Diskussionen um Verputz, Schlämme oder Steinsichtigkeit, etwa nach Vorbild der jüngst steinsichtig wiederhergestellten romanischen Türme in Wiehl oder Engelskirchen, wurde zugunsten der seit den 1960er Jahren überlieferten einheitlichen Erscheinung der Kirche entschieden und wegen des erheblichen Aufwandes zur Herstellung einer Steinsichtigkeit die Erneuerung schadhafter Bereiche des Verputzes beschlossen. Im Zuge der im Frühjahr 2019 begonnenen Instandsetzung des Turmes zeigte sich, dass der Verputz weitgehend entfernt werden musste und eine – vor allem auf der Westseite des Turmes – stark eingreifende Sanierung des in großen Flächen sehr maroden Mauerwerkes aus kleinteiligem Bruchsteinen von stellenweise überraschend schlechter Steinqualität notwendig wurde. Allerdings handelte es sich bei diesen Mauerwerksflächen wohl um Reparaturen und Instandsetzungen früherer Restaurierungen – wohl aus gotischer oder barocker Zeit. Die bauzeitlich erhaltenen Mauerflächen des Turmes zeigten die gleiche qualitätsvolle, typische Lagenhaftigkeit romanischen Mauerwerkes der Region, wie sie auch an den Türmen in Wiehl, Ründeroth, Engelskirchen oder beispielsweise an der Burg Blankenberg anzutreffen ist.

Während die Materialität der Basen, Säulen, Würfelkapitelle und Kämpfer der Schallöffnungen im Obergeschoss des Turmes und der beiden Fenster des darunterliegenden Geschosses nur lückenhaft geklärt werden konnten, da die hier dick aufliegende Mörtelschlämme von 1967 nicht entfernt wurde, trat im südlichen Giebel des Turmes ein überraschender Befund zutage: Nach Demontage der vier riesigen Zifferblätter der Turmuhr konnte hier ein zugemauertes Rundbogenfenster mit eingestellter Säule aufgedeckt werden. Vergleichbare Fenster waren auch an den anderen Giebeln vorhanden; auf der Westseite jedoch völlig durch neueres Mauerwerk ersetzt und an Nord- und Ostseite zwar noch offen, aber mit ausgebrochenen Säulen nur noch schmucklos erhalten. Lediglich im Fenster des Ostgiebels hat sich die Basis aus Kalkstein der hier ehemals vorhandenen Säule erhalten. Die im unteren Drittel einmal gebrochene, aber ansonsten sehr gut erhaltene Säule im Südgiebel besteht aus Kalksinter, dessen schöne Zeichnung sichtbar wird, wenn die Säulenoberfläche mit Wasser benetzt wird. Eine anschließende Probereinigung der Säule in der rechten, östlichen Schallöffnung der Südseite legte auch hier Kalksinter als Material frei.


Die Ausmauerung des Giebelfensters in Grauwacke-Bruchstein ist in hellem, fetten Kalkmörtel, der sich deutlich vom dunkleren und gröberen Versetzmörtel des Giebelmauerwerks unterscheidet, bündig mit der Säule ausgeführt, so dass ihre Vorderseite noch sichtbar blieb. Die Ausmauerung war ursprünglich mit einem dem Versetzmörtel identischen Mörtel verputzt und weiß gefasst. Ob die Säule dabei ausgespart wurde, ist aufgrund der wenigen erhaltenen Putzreste nicht mehr festzustellen. Es scheint aber wahrscheinlich, da eine freibleibende Säule trotz Vermauerung der Öffnungen den Charakter des Fensters mit eingestelltem Säulenschaft, Kapitell und Kämpfer beibehalten hätte. Der Verputz unterscheidet sich deutlich von romanischen Putzresten in der Laibung des Tuffsteinbogens über dem Fenster, wo sie gröber und dunkler ausfallen. Diese könnten zusammen mit der Vermauerung des Fensters aus gotischer Zeit stammen, vielleicht im Zusammenhang mit der Errichtung von Querhaus, Chor und südlichem Seitenschiff im 15. Jahrhundert.

Wo sich ursprünglich das Kapitell der Säule befand, klafft heute ein grob in das Mauerwerk geschlagenes Loch, durch welches die Zeigerachse der Turmuhr geschoben wurde. Vom Kämpfer sind lediglich Reste aus weißem Kalkstein, wohl wiederverwendetes römisches Material aus Norroy-lès-Pont-à-Mousson an der Mosel zwischen Metz und Nancy erhalten.

Mit dem Fund der zwei Kalksintersäulen am Turm der evangelischen Kirche in Gummersbach, sicher Reste eines hier ehemals größeren Bestandes, erweitert sich der bekannte Bestand von Kalksinter an romanischen Türmen des 12. Jahrhunderts neben Ründeroth und Engelskirchen um ein weiteres Beispiel in einem recht eng umgrenzten regionalen Bereich des Bergischen Landes. Nach der Sanierung des Turmes wird das vermauerte Fenster samt der Kalksintersäule wieder hinter dem Zifferblatt der Turmuhr verschwinden. Damit ist sie zwar der Sichtbarkeit entzogen, wird allerdings auch vor der Witterung geschützt.


Autor

Dipl.-Rest. Christoph Schaab

Leiter der Restaurierungswerkstatt für anorganische Materialien

christoph.schaab@lvr.de



18 Jahre FSJ beim LVR-ADR

Am 31. August 2020 beendete Sven Thissen sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Denkmalpflege. Interesse an der Baukultur, berufliche Orientierung und persönliche Weiterbildung waren seine Beweggründe, sich nach dem Abitur ein volles Jahr in der Denkmalpflege zu engagieren.

Seit 18 Jahren zählen die Teilnehmer*innen des FSJ für jeweils ein Jahr zu den Mitarbeitenden beim LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR). Der Start des Freiwilligendienstes im Jahr 2002 stand noch unter dem Motto: Erst einmal ausprobieren! Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit von Denkmalpfleger*innen und Jugendlichen in der Praxis? In welchen Bereichen können die Freiwilligen sinnvoll eingesetzt werden und dabei zugleich ihre praktischen und theoretischen Fähigkeiten erproben? Und: Welche Chancen ergeben sich für die Denkmalpflege? Die langjährigen Erfahrungen mit 30 Freiwilligen haben längst bestätigt: Die Arbeit ist von gegenseitiger Akzeptanz, gemeinsamen Interessen und einem vielschichtigen Mehrwert für alle Beteiligten geprägt.

Entsprechend der Aufgabenvielfalt des LVR-ADR wird das FSJ in einem bewährten "Curriculum" zugleich offen gestaltet. In einer dreimonatigen Einführungsphase lernen die Freiwilligen zunächst alle Abteilungen des Fachamtes kennen: Inventarisation, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Dokumentation und Restaurierung. Sie erhalten so auch Einblicke in die Arbeitsbereiche der zugehörigen Sachgebiete und Einrichtungen, z. B. Fotowerkstatt, Vermessung und Bauforschung, Gartendenkmalpflege, Bild- und Planarchiv, Registratur und Bibliothek. Nach dieser "Schnupperphase" bieten wir den Freiwilligen die Möglichkeit, nach persönlichen Neigungen und Zielen den Gestaltungsspielraum zu nutzen und eigene Schwerpunkte im denkmalpflegerischen Engagement zu setzen.

Großes Interesse an der Mitarbeit erfahren seit Jahren die Sachgebiete Bauforschung und Vermessung, die projektbezogen im Team zusammenarbeiten. Die FSJ'ler befassen sich in Theorie und Praxis mit spezialisierten Vermessungstechniken zur Dokumentation von Baudenkmälern. In der Praxis lernen sie das traditionelle Handaufmaß und die Gebäudevermessung mit dem Tachymeter. An vielen Projekten führen sie, angeleitet vom Team, Bauaufnahmen vor Ort und deren digitale Nachbereitung im Büro durch. Durch das Messen und Zeichnen erhalten die Freiwilligen einen begreifbaren Zugang zu Zeugnissen der Baukultur. Sie lernen im Prozess des Betrachtens und Dokumentierens historische Bautechniken und Baumaterialien kennen. So hat Sven Thissen, FSJ'ler 2019/20, seine Leidenschaft für die Gefügekunde des Fachwerks entdeckt. Mit großem Engagement unterstützte er das Team bei der Untersuchung und Dokumentation von ländlichen Fachwerkbauten. "Learning by doing" prägt auch die Zusammenarbeit mit der Bauforschung. Ungeklärte Fragen zur Baugeschichte eines Denkmals haben einen besonderen Reiz, der auch darin besteht, diese Fragen im Team zu erörtern und gemeinsam zu entschlüsseln. Die Freiwilligen werden hier vielfach eingesetzt, sei es, dass sie nach fachlicher Anleitung vor Ort Kartierungen anfertigen, sei es, dass sie die Ergebnisse in Schaubildern für die Öffentlichkeit aufbereiten. So verdanken wir den Freiwilligen einen mittlerweile beeindruckenden Bestand an computergestützten Zeichnungen, die sie für Gutachten und für Veröffentlichungen des Amtes erstellen. Hier zeigt sich exemplarisch, dass sie sich im Verlauf des Jahres ein grundlegendes Wissen in der Denkmalkunde angeeignet haben und eine echte Unterstützung bei der tagtäglichen Arbeit sind. Die Freiwilligen werden auch gezielt dort eingesetzt, wo ihre Hilfe aktuell benötigt wird. Beispielsweise für die Datenbank Bodeon, in dem Bild- und Planarchiv oder bei der Aktenverwaltung in der Registratur. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sie die Arbeiten zur Archivierung des kulturellen Wissens sehr engagiert und mit hohem Verantwortungsbewusstsein durchführen. Johannes Geelen (FSJ'ler 2017/18) hat in der praxisnahen Archivarbeit seine Leidenschaft und Berufung entdeckt: Er entschied sich für das Studium der Geschichte und arbeitet seitdem als studentische Hilfskraft im Bild- und Planarchiv des LVR-ADR weiter.

Große Anziehungskraft haben die Restaurierungswerkstätten, wo die Freiwilligen Verfahren der Reinigung, Konservierung und Restaurierung kennen lernen und die Restaurator*innen bei Untersuchungen von Bau- und Kunstdenkmälern begleiten. Dem großen Interesse seitens der Freiwilligen werden wir im kommenden Zyklus 2020/21 gerecht, indem wir hier einen weiteren Arbeitsschwerpunkt einrichten mit der Perspektive, künftig (wie auch schon früher) wieder zwei FSJ-Stellen anzubieten.

Die "Baustelle im Außendienst" offenbart sich immer wieder als multithematischer Lernort für Geschichte, Handwerk, Baukultur und Begegnungen. In diesem Sinne begleiten die Freiwilligen regelmäßig die Denkmalpfleger*innen zu Beratungsgesprächen im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen. Sie lernen die Zusammenarbeit mit den Denkmalbehörden, Eigentümer*innen, Architekt*innen und Handwerker*innen kennen. Diese direkte Begegnung mit den umfassenden Aufgaben der Denkmalpflege, die Teilnahme an Gesprächen und Erörterungen, sensibilisiert das Verständnis für das gesellschaftliche Anliegen, Denkmäler zu bewahren. Und anders herum: Die Akzeptanz und Zukunft von Denkmalschutz und -pflege kann erheblich davon profitieren, wenn der Gesellschaft bewusst ist, dass die nächste Generation auf die Vergangenheit baut – und wir gemeinsam in die Zukunft gehen.

Sven Thissen hat ein klares Ziel vor Augen: An das Erlebte soll nun ein Studium der Architektur mit den Schwerpunkten Denkmalpflege und historische Bauforschung anknüpfen.

Weitere Informationen:
3.500 Jugendliche haben bisher in den Einsatzstellen einer der bundesweit 15 Jugendbauhütten ein FSJ in der Denkmalpflege absolviert. Die Jugendbauhütten sind ein Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in der Trägerschaft der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD). Vorbild der Jugendbauhütten ist das Prinzip der mittelalterlichen Bauhütten, in denen gemeinsam gearbeitet wurde und der Lehrling vom Meister noch am Original lernte.
Ijgd Jugendbauhütte NRW-Rheinland: http://fsj.denkmal.rheinland@ijgd.de


Autorin

Foto: Dr. Kristin Dohmen

Dr. Kristin Dohmen

Leiterin Sachgebiet Bauforschung der Abteilung Dokumentation

kristin.dohmen@lvr.de



Digitale Bilder online für Forschung und Lehre – Kooperationsvertrag mit prometheus e.V.

In Zeiten der Digitalisierung gewinnt die Online-Recherche und -Verfügbarkeit von Bildern immer mehr an Bedeutung. Bereits seit fast 20 Jahren stellt die Plattform prometheus – Das verteilte digitale Bildarchiv für Forschung & Lehre (www.prometheus-bildarchiv.de) qualitativ hochwertige, digitalisierte Bilder aus Kunst, Kultur und Geschichte für Forschung und Lehre zur Verfügung. Das Bildarchiv verbindet 107 Instituts-, Forschungs- und Museumsdatenbanken unter einer Oberfläche mit insgesamt 2.693.789 digitalen Bildern (Stand Dezember 2020). Seit kurzem gehört auch das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) mit einem Bestand von 641 Zeichnungen dazu. Sie stammen aus den 1720-1730 entstandenen Skizzenbüchern von Renier Roidkin, der als Wandermaler zahlreiche Burgen und Stadtansichten im Rheinland, in der Nordeifel und im heutigen Belgien zeichnete. Sie sind historisch besonders wertvoll, denn sie dokumentieren Ortsbilder und Landschaften im 18. Jahrhundert und gehören zu den Sammlungsbeständen im LVR-ADR, die besonders häufig nachgefragt werden. Daher bilden sie auch den Auftakt in prometheus, weitere Bestände sollen folgen. Vermittelt durch die Abteilung Digitales Kulturerbe im LVR-Dezernat Kultur und Landschaftliche Kulturpflege schloss das LVR-ADR einen Kooperationsvertrag mit dem Bildarchiv ab, das seinen Sitz am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln hat und durch den gemeinnützigen Verein prometheus e.V. zur Förderung von Wissenschaft und Forschung vertreten wird. Das Bildarchiv prometheus basiert auf Lizenzen und wird vor allem von Wissenschaftler*innen und Studierenden genutzt. Die Roidkin-Zeichnungen sind aber im Open-Access-Bereich auch für alle anderen Interessierten recherchierbar und stehen unter der Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 unter der Bedingung der Namensnennung von Urheber und Rechteinhaber für die Nutzung zur Verfügung.


Autorin

Foto: Dr. Ulrike Heckner

Dr. Ulrike Heckner

Abteilungsleiterin Dokumentation

ulrike.heckner@lvr.de



Leichlingen, Windfoche 1 - eine Hofschaft erzählt

Erkunden, Vermessen und Dokumentieren prägen die Vorbereitungen zur Instandsetzung eines Wohnhauses mit Stallung und Scheunen in der typisch bergischen Hofschaft Windfoche, nordöstlich von Leichlingen. Umgeben von Wald- und Wiesenflächen umfasst sie heute noch vier Einzelgehöfte aus locker gruppierten Gebäuden in Fachwerkbauweise. Besonders authentisch hat das Gebäude mit der Hausnummer 1 das Gesicht der ländlichen Bauweise und Siedlungsform bewahrt. Seit 1981 ist das Fachwerkwohnhaus unbewohnt und offenbart mit Stallanbau und Quertennenscheunen eine Fundgrube an historischen Baumaterialien, Ausstattungen, Konstruktionen und Wandmalereien, die vom Leben und Wirtschaften des bäuerlichen Betriebs im 18. und 19. Jahrhundert erzählen. Die wenigen jüngeren Modernisierungen haben seine Authentizität nicht beeinträchtigt, deswegen wird das Gehöft von den neuen Eigentümern gemeinsam mit dem LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland erfasst und bauvorbereitend analysiert. "Alle 140 Jahre wieder" – so resümiert der Bauherr perspektivisch die Sanierungsgeschichte von Windfoche 1: Um 1750 in Fachwerkbauweise errichtet, erfuhr der Baubestand im Jahr 1884 Instandsetzungen und soll jetzt, nach weiteren 140 Jahren, erneut für die Zukunft ertüchtigt und zum Wohnen genutzt werden.

Das Wohnhaus darf aus heutiger Sicht mit einem räumlich gut organisierten Minihaus verglichen werden. Der Hauseingang führt in den Herdküchenraum, der mit nur 8 qm Größe der Hauptaufenthaltsraum der Familie war. Drei Türen erschließen von dort die gute Stube, die Kammer und den Stall, zwei Treppen führen in das Obergeschoss und in den Gewölbekeller. Von der Haustechnik zeugt die einst raumfüllende Herdstelle an der Wand zur Stube sowie eine verschließbare Wandnische in der gegenüberliegenden Kammer. Öffnet man diese, so blickt man in einen aus Bruchsteinen gemauerten Brunnen, der frisches Grundwasser für den Alltag lieferte. Im Obergeschoss wiederholt sich die Raumstruktur mit Stiege in das Dachgeschoss. Dass hier in Heimarbeit gewebt wurde, ist mündlich überliefert. Spuren an den Sparren zeugen von der Befestigung des Webstuhls.

Klein, aber fein durchdacht, ist das Haus lediglich aus den notwendigen Bauhölzern gezimmert. Die zweckmäßige Ständerbauweise, der Verzicht auf Streben und die dünnen Dimensionen der Holzquerschnitte resultieren aus einem Problem, das allen Bauherren im 18. Jahrhundert begegnete: der Rückgang der Laubwälder, mit dem eine zunehmende Verknappung des Rohstoffes Holz und damit eine Verteuerung des Bauholzes einherging. Die Gefache, überwiegend noch mit Staken und Weidengeflecht geschlossen, sind mit Lehmbewurf verdichtet und tragen Kalkschlämmen, deren letzte Fassung einen lebhaften Eindruck von der Sanierung 1884 geben: Das Fachwerkwohnhaus präsentierte sich in leuchtendem Ultramarinblau, einer äußerst begehrten Farbe, die seit 1834 in den bergischen Ultramarinfabriken von Carl Leverkus synthetisch hergestellt wurde. Mit dem blauen Erscheinungsbild des Äußeren ging auch die Neuausstattung des Wohnhauses einher: Neue Rahmenfüllungstüren mit fein profilierten Zargen und eine Treppe mit gezierten Stab- und Antrittsbalustern hielten Einzug in das Wohnhaus Windfoche 1. Dazu wurden die Wände farblich neu gefasst: In den oberen Zimmern zeugen farbenprächtige Blumen- und Astwerkmotive von dem Einsatz der im 19. Jahrhundert aufkommenden Strukturwalzen. Die Rollen mit aufgeprägten Gestaltungsmustern wurden in die Farbe getaucht, leicht abgestrichen und dann auf der gekälkten Wand abgerollt, sodass leicht variierende, sehr lebhafte Muster entstanden sind. Dabei stand das Motiv der Natur im Vordergrund: das den Waldhängen zugewandte Zimmer zeigt in den Farben Rotbraun und Grün wechselndes Astwerk mit fünfblättrigen Blumen und Knospen auf hellem Grund. Stets variierende florale Motive in leuchtenden Farben prägen die weiteren Kammern und entfalten ihre ganz eigenständige Raumwirkung.

Die Modernisierung von 1884 spricht für gewissen Wohlstand, der zugleich die Erweiterung der Wirtschaftsgebäude möglich machte. Die Quertennenscheune aus der Erbauungszeit wurde in Firstrichtung um eine fast getreue Kopie erweitert. Beide Quertennen besitzen die bautypisch dreiteilige Binnengliederung und werden über die mittig gelegenen Einfahrten vom Feld aus beliefert. Traufhohe Tennenleitern an den Bundwänden erschließen den oberen Scheunenboden, wo das Erntegut einst gelagert und gedroschen wurde.

Gegenüber dieser Doppelscheune erschließt eine Klöntür hofseits den 1884 erbauten Fachwerkstall, der mit vielen Baudetails erneut Einblick in den bäuerlichen Betrieb gewährt. Neben dem kleinen Stall für Kleinvieh zeugt eine Abmauerung mit winzigem Fenster und Erdgrube von der Toilette des Bauernhofes. Daneben liegen der Kuh- und Pferdestall mit einer besonderen baulichen Einrichtung: Eine Bohlenbretterwand separiert die Stallungen für das Großvieh in Längsrichtung des Baus. Sie integriert Futtertröge aus Sandstein. Auf der scheunenzugewandten Seite besitzt die sorgfältig verzimmerte Bohlenwand Klappläden zur Füllung der Tröge mit Heu. Dass dieser Bauteil ein zweiflügeliges Sprossenfenster mit seitlicher Klöntür besitzt, wirft Fragen über die Wohn- und Wirtschaftsfunktionen auf. War hier die Wohnkammer des Stallknechtes angesiedelt? Dieses und noch weitere Rätsel versuchen Bauherrenschaft und Denkmalpflege vor der Instandsetzung zu lösen. Auch wenn dies nicht immer gelingt, ist gewiss: Das Gehöft Windfoche 1 hat Eigentümer gefunden, die genau hinschauen und die vom Bauwerk selbst erzählte Geschichte in eine Zukunft führen.


Autorin

Foto: Dr. Kristin Dohmen

Dr. Kristin Dohmen

Leiterin Sachgebiet Bauforschung der Abteilung Dokumentation

kristin.dohmen@lvr.de