LVR-Amt für Denkmalpflege
im Rheinland
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Blick in die Kuppel des Oktogons des Weltkulturerbes Aachener Dom

Denkmalpflege im Rheinland

Denkmalgeschichten aus rheinischen Kommunen

Aufgabe der Denkmalpfleger*innen des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) ist es üblicherweise, auch vor Ort in den Kommunen denkmalpflegerische Entscheidungen bestmöglich zu begleiten. Das ist in Zeiten von Corona nicht möglich. Um einen Einblick in die Arbeit, die Begegnungen und Erlebnisse zu geben, berichten die Fachleute nun auf diesem Wege über ihre persönlichen Denkmalpflege-Geschichten.

"Architektur steht nie allein" - Gottfried Böhm zum 100. Geburtstag

Dr. Elke Janßen-Schnabel, wissenschaftliche Referentin im LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, und Ute Schumacher, Abteilung Digitales Kulturerbe LVR, entdeckten ein gemeinsames Phänomen bei den Bauten Gottfried Böhms:

Böhms ausdrucksstarker, von der ersten Entwurfsskizze bis ins Detail funktional und konstruktiv durchdachter und im Raumerlebnis so stimmiger Architektur liegt ein Aspekt zugrunde, der seine Bauwerke miteinander verbindet: "Architektur steht nie allein", haben Dr. Elke Janßen-Schnabel vom LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland und Ute Schumacher, Abteilung Digitales Kulturerbe LVR, festgestellt. Ihrer Beobachtung nach ist bei Böhm jedes Gebäude Teil eines Gesamtkomplexes, Architektur kein ausgestelltes Kunstwerk. Vielmehr bestimmt das bauliche Umfeld - bei Erfüllung von Raumprogramm, funktionaler Stimmigkeit und sinnvoller Konstruktion - wesentlich den Entwurf und damit die Bauform bis hin zur inneren Gliederung. Durch diesen Schwung, den der einfühlsame Entwurfsprozess vorgibt, durch die Zwiesprache sowohl mit der Vergangenheit als auch mit dem städtischen Raum, entfaltet die Architektur ihre räumliche Dimension. "In der Antwort und in der Interpretation schuf Böhm im Wechselspiel mit der Umgebung eine Architektur, die zuhört, die sich öffnet, die einlädt, auffordert, leitet, die hinführt, verbindet, die durch Einsatz von Konstruktion, Material, Form, Licht und Farbe zum Erlebnis wird und die in der Nutzung, vor allem in der Bewegung, vollends erfahren werden kann. Innen und außen fließen schwellenlos ineinander", so Elke Janßen-Schnabel. Für die Denkmalpflegerin, die auf Denkmalbereiche spezialisiert ist, bietet das Werk von Gottfried Böhm durch diese bemerkenswerten Eigenschaften "einen wunderbaren Anknüpfungspunkt" für ihre denkmalpflegerische Arbeit. Ihre Beobachtungen beschreibt sie anhand von drei prominenten Objekten Böhms:

Die Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens, auf dem Hardenberg in Velbert-Neviges (1965-68) ist der Endpunkt einer Wallfahrt, im Anstieg der Gipfel eines religiösen Weges, am Ende gefasst von der rhythmischen Reihe der Pilgerhäuser. Der Kirchenraum beherbergt das Marienbild, stoppt und schützt wie ein Zelt den Pilgerfluss. Die skulpturale Form im starken Kontrast der Materialien lenkt den Blick zum Licht der leuchtend roten Rosen in den Fenstern, auch nach oben zum Himmel, und doch unterstützt der Raum in seiner Gestalt die innere Einkehr. Der Mariendom ist gebauter Glaube. Religion bestimmt die Bewegung, die Architektur fängt sie auf: deutlich, massiv und dennoch sehr behutsam. Der fließende Übergang von innen und außen ist Programm der Wallfahrt.

Das katholische Gemeindezentrum um die Pfarrkirche St. Matthäus mit dem Altenheim St. Hildegardis in Düsseldorf-Garath (1967-72) ist ein städtebauliches Zentrum in dem auf grüner Wiese planmäßig angelegten neuen Stadtteil von Düsseldorf. Es entwickelt sich im Schwerpunkt der kreisförmigen Großform des zweiten Bauabschnitts konsequent und wendet sich dem inneren Platz um den Kirchenbau als Dominante zu. Der Platz ist Treffpunkt, Ort des Austauschs, auch Ort der Ruhe und geht gleichzeitig mit Form und Material in die Binnenstruktur des Altenheims über, indem der Weg vom Platz hinein in das Gebäude führt und selbst zum Erlebnis wird. Innen und außen sind räumlich miteinander verzahnt.

In Köln-Rheinkassel hatte Böhm zunächst an der Pfarrkirche St. Amandus mit dem Gemeindezentrum ein neues Ensemble geschaffen und den alten Kirchhof in einen Platz verwandelt. Nach Südwesten zum neuen Friedhof hin erfolgte 1973-78 die Ortserweiterung durch eine Reihenhaussiedlung. Das Gemeindezentrum lässt in seiner Baukörperform bereits den Haustyp anklingen und leitet harmonisch in die rhythmische Fortsetzung der neu geschaffenen Welt aus den gleichförmigen und untereinander gleichwertigen Wohnhäusern im Grünen. Böhms Entwurf respektiert den historischen Ortsmittelpunkt, er interpretiert Bestehendes neu, entwickelt und erweitert den dörflichen Raum in einer fließenden Bewegung nach Westen, eingebettet in die Ebene am Rheinufer. Kirche und Außenraum, Dorf und Landschaft werden durch den Entwurf als Gesamtheit geschärft.

Weitere Erläuterungen ihrer Architekturbetrachtung haben Dr. Elke Janßen-Schnabel und Ute Schumacher in KuLaDig, dem digitalen Kulturlandschaftskataster des LVR, veröffentlicht. Neben den beschriebenen Objekten sind das Technische Rathaus in Bergisch-Gladbach-Bensberg und die Godesburg mit dem Altstadt-Center in Bonn-Bad Godesberg in Kuladig aufgeführt. Auch sie zeigen die bewusste Einbindung der Architektur Böhms in die gebaute Umgebung.

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Venus und Amor von Anton Werres (1830-1900)

"Venus und Amor", beides personifizierte Allegorien der Liebe, ist eine Skulpturengruppe des Kölner Künstlers Anton Werres (1830-1900). Sie entstand gleichzeitig zur Eröffnung der Kölner Flora im Jahr 1863. Werres studierte von 1851 bis 1857 an der Berliner Bildhauerschule unter Gustav Bläser. Danach hielt er sich mehrmals in Rom auf. Unter anderem schuf er auch Skulpturen für den Kölner Dom.

Bei der Skulpturengruppe handelt es sich um eine sehr liebliche Darstellung von Venus und Amor. Sie, Venus, trägt ein Tuch über ihren Schoß und hält schützend ihren Arm um Amor. Amor steht in Kontrapost seitlich zu Venus. Beide richten ihren Blick leicht gesenkt nach rechts. Die Skulptur ist aufgesockelt etwa 1,50 m hoch. Sie steht auf einer langgestreckten, achteckigen Plinthe. Sowohl Skulptur als auch Plinthe sind aus Carrara-Marmor gearbeitet. Beides wiederum steht auf einem gleichförmigen Natursteinsockel. Rückseitig der Skulptur befindet sich eine Inschrift mit Werres‘ Signatur: "Anton Werres Romae fec. 1863". Eine Inschrift einer Metallplatte auf dem Sockel lautet: "Geschenk der drei Söhne von Otto und Adele Maurer geb. Bunge zum Andenken an ihre Eltern, Köln, Dezember 1924".

Zuletzt befand sich die Marmorskulptur im Kakteenhaus der Tropenanlage der Kölner Flora. Das Kakteenhaus ist Teil der in den frühen 1950er Jahren entstandenen Tropenhausanlagen. Im Gegensatz zum Inhalt der Häuser und des "historischen Florateils" besaßen Gestalt und Konstruktion der Tropenhäuser keinen Denkmalwert. Sie wurden in ingenieursmäßiger, nicht zeitprägender Bauweise errichtet. Ihr metallenes Ständerwerk war so weit korrodiert und das Dach stark beschädigt, dass sie für einen Neubau abgebrochen werden mussten.

Seit dem 9. September 2016 befindet sich die Skulptur, im Zuge der Neubebauung der Tropenanlage (Spatenstich war der 30. November 2018), in den Restaurierungswerkstätten des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR). Dort wurde sie 2018 bereits ausführlich fotografisch dokumentiert. Durch die Aufstellung im Kakteenhaus waren Auflagen wie Staub auf den Marmoroberflächen nicht zu vermeiden. Zudem fehlt der Skulptur heute Amors Köcher samt Pfeile. Durch Vergilbung des Klebers ehemaliger Restaurierungsmaßnahmen sind Bruchkanten und Klebungen heute deutlich erkennbar. Inzwischen wurde ein Konservierungs- und Restaurierungskonzept ausgearbeitet und sowohl eine Bestands- als auch Zustandskartierung für die Skulptur erstellt, wofür die Oberflächen vorab mit weichen Bürsten und Pinseln von losen Anlagerungen wie Staub befreit wurden. Als positiver Nebeneffekt hat sich das Erscheinungsbild der Skulptur schon wesentlich verbessert. Da es sich bei Marmor um ein im Rheinland eher seltenes Denkmalgestein handelt, bietet die Skulptur über ihre eigentlichen Fragestellungen hinaus dem LVR-ADR ein willkommenes Forschungsobjekt zur tieferen Recherche im Umgang mit Denkmälern aus Marmor.

In einer der folgenden Ausgaben unserer Zeitschrift "Denkmalpflege im Rheinland" wird Stefanie Gatzke, Volontärin in der Abteilung Restaurierung des LVR-ADR, mehr über die Marmorskulptur "Venus und Amor" und die von ihr durchgeführten Arbeiten berichten.

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Neuer Inventarisator Dr. Martin Bredenbeck besucht rheinische Denkmäler - dank Streetview

Denkmalpflege hat viel mit Ortsbesichtigungen zu tun. Ob Einfamilienhaus oder Großsiedlung, Kapelle oder Dom, Schule, Rathaus, Museum, Mühle, Molkerei oder Tankstelle, Garten, Friedhof oder Park: Wer ein Objekt, das möglicherweise ein Denkmal ist, wirklich beurteilen möchte, muss hinfahren und es sich anschauen. In Zeiten von Corona ist das für die Mitarbeiter*innen des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) nicht möglich. Da heißt es, erfinderisch zu sein. Der Kunsthistoriker Dr. Martin Bredenbeck, der erst vor wenigen Wochen seine Arbeit als Inventarisator im Denkmalpflege-Fachamt aufgenommen hat, hilft sich mit Google Maps und Streetview. Seine Aufgabe ist es, jüngere Objekte aus den 1960er bis 1980er Jahren ausfindig zu machen, die möglicherweise als Denkmäler schützenswert sind.

Für ihn ist das eine Gelegenheit, sich mit den ab 2008 entstandenen, 2010 veröffentlichten Aufnahmen von Google Streetview zu versöhnen. Damals löste diese neuartige Form von Sichtbarkeit heftige öffentliche Debatten aus. Zumindest wurden alle Gesichter unkenntlich gemacht, und Eigentümer*innen konnten ihre Objekte verpixeln lassen. "Heute kann das Medium helfen, durch die 3D-Ansichten aus der Luft und durch virtuelle Befahrungen Hinweise zu einem Objekt zu erhalten, gerade wenn es keine Fotos gibt", so Bredenbeck.

Momentan ist Streetview also die einzige Form der kontaktlosen Dienstreise für die Denkmalpfleger*innen, die ihren Dienstsitz in der Abtei Brauweiler in Pulheim haben. Was ihnen der Bildschirm zeigt, bedarf allerdings der genauen Überprüfung, denn die virtuelle Dienstreise ist an manchen Orten eine regelrechte Zeitreise, wie Bredenbeck bei seiner Suche nach Bauten aus der Zeit des Brutalismus bis zur Postmoderne in Bonn und Düsseldorf festgestellt hat. Bis zu zwölf Jahre alt sind die Bilder, und die Situation vor Ort sieht mitunter längst anders aus, gerade nach Jahren des Baubooms. Wo Streetview noch das markante Siemensgebäude in Düsseldorf-Unterbilk zeigt, eine dreiteilige Wabenstruktur aus den 1960er Jahren, gleich hinter dem Stadttor, da zeigen aktuelle Luftbilder von 2020, dass der Baugrund soeben für Neues freigemacht wurde. In solchen Fällen hält der Wissenschaftler kurz inne für ein ehrendes Andenken. Dann heißt es Weiterklicken auf den Pfeil, denn das nächste interessante Gebäude steht gleich nebenan. "Am Ende geht nichts über die Autopsie, bekannt aus dem Tatort und im Grunde nichts Anderes als persönliche Inaugenscheinnahme", so Bredenbeck. Eines Tages wird auch sie wieder möglich sein.

Die beschriebene Methode der breiten Erfassung einer ganzen Objektgattung hat sich bei der Inventarisierung von Denkmälern bewährt. So wurde auch die große Zahl an Nachkriegskirchen im Rheinland unter der Leitung des Denkmalpflege-Fachamts des LVR zunächst systematisch erfasst - das heißt, die Objekte wurden gesammelt, fotografisch dokumentiert, kurz beschrieben und datiert. Erst im nächsten Schritt wurden sie begutachtet und ggf. für denkmalwert erachtet. "Diese Methode ermöglicht es uns, einen Überblick zu gewinnen, Objekttypen zu erkennen und die Spreu vom Weizen zu trennen", erläutert Dr. Helmtrud Köhren-Jansen, Leiterin der Abteilung Inventarisation.

In den meisten Fällen und in Zeiten ohne Dienstreiseeinschränkung sieht der Alltag in ihrer Abteilung, bei der fast täglich Hinweise auf mögliche Denkmale verschiedenster Epochen und Gattungen im ganzen Rheinland eingehen, anders aus. Dann heißt es hinfahren, anschauen, recherchieren, verstehen, bewerten und gerichtsfest begründen, warum es sich um ein Denkmal handelt und was seine prägenden Merkmale sind.

In früheren Jahrzehnten gingen Denkmalbegründungen deutlich schneller vonstatten als heute. So sind in Denkmalpflegekreisen die damaligen sogenannten Listenerfassungen legendär, die in den späten 1970er Jahren begonnen haben. Zahllose Denkmalpfleger*innen schwärmten damals rheinland- und westfalenweit aus, um die reiche Denkmallandschaft Nordrhein-Westfalens im Schnellverfahren in Listen zu erfassen. Das 1980 in Kraft getretene Denkmalschutzgesetz des Landes – das in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert – lieferte die Grundlage für dieses Vorgehen und erforderte den Generalüberblick. Die Fachämter der beiden Landschaftsverbände hüten die Unterlagen von damals bis heute als besonderen Schatz, z.B. die rheinischen Reisekarten, die im Archiv des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland aufbewahrt werden.

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Wie Restaurator Marc Peez entdeckte, dass Bartholomäus Bruyn sich selbst korrigierte

Unterzeichnungen am Hochaltar im Xantener Dom

Bartholomäus Bruyn der Ältere (1493–1555) zählt zu den bedeutendsten Portraitmalern der Renaissance, er hat aber auch großformatige Altargemälde geschaffen. Herausragend sind die Flügelmalereien des Hochaltares im Xantener Dom St. Viktor. Der Altar wurde 1529 beauftragt und war 1534 fertiggestellt. Neben den seitlichen Flügelgemälden gibt es als oberen Abschluss des Altars einen halbrunden Auszug, auf dem die Kreuzigung Christi zu sehen ist.

Im Rahmen einer Konservierungsmaßnahme konnte Vanessa Lange, Fotografin des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland, das Gemälde mit der Kreuzigung aus der Nähe fotografisch dokumentieren. Sie fertigte auch Detailaufnahmen im Infrarot-Bereich an. Mit dieser Technik können bei Gemälden Unterzeichnungen sichtbar gemacht werden, die dem Betrachter und der Betrachterin sonst verborgen bleiben.

Die Infrarot-Aufnahmen zeigen, dass Bruyn die Vorzeichnungen auf der weiß grundierten Eichenholztafel zwar äußerst präzise angelegt hat, bei der farblichen Ausführung dann aber davon abwich. Besonders deutlich wird dies bei den Händen und Füßen Christi: Die Figur war zunächst einige Zentimeter kleiner geplant. "Was der Grund für Bruyns Entscheidung war, die malerische Ausführung zu ändern, bleibt sein Geheimnis", so Diplom-Restaurator Marc Peez, der die Restaurierungsmaßnahme begleitet hat.

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