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Erfassung Industriekultur im rheinischen Braunkohlenrevier

Bis spätestens 2038 ist Schluss mit dem Abbau und der Verstromung von Braunkohle in der Bundesrepublik Deutschland. So haben es Bund und Länder in einer Vereinbarung vom 22.07.2020 beschlossen und sind damit einer Empfehlung der von der Bundesregierung eingesetzten sogenannten Kohlekommission gefolgt. Der Kohleausstieg verfolgt klimapolitische Ziele, die einher gehen mit einem grundlegenden Strukturwandel in den betroffenen Regionen. Denn ähnlich wie in der Nachfolge des Steinkohlenbergbaus gilt es auch jetzt, neue Arbeitsplätze in neuen Wirtschaftszweigen zu schaffen. Die Abkehr von fossilen Rohstoffen zur Energieerzeugung hin zu einem nachhaltigen Wirtschaften unterstützt der Bund daher mit einem bis zu 40 milliardenschweren Investitionsgesetz Kohleregionen (InvKG) in den Ländern Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, im Freistaat Sachsen und in Sachsen-Anhalt.

Was hat das alles mit Denkmalpflege zu tun?

Für die Baudenkmalpflege ist der Strukturwandel im Rheinischen Revier aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten: Einerseits bezeugt der jahrhundertelange Abbau von Braunkohle einen tiefgreifenden Wandel und Verlust der historischen Kulturlandschaft sowie zahlreicher, oft jahrhundertealter Baudenkmäler. Andererseits ist der Wirtschaftszweig Braunkohle mit seinen verarbeitenden Industrien und der daraus resultierenden Folgelandschaft aus industrie-, technik- und wirtschaftsgeschichtlicher Sicht selbst Gegenstand denkmalpflegerischer Forschung mit dem Ziel der Unterschutzstellung und Erhaltung von prägenden Anlagen. Auch wenn im Rheinland mit einem Inventar zum Braunkohlenbergbau 2008 bereits eine erste breit angelegte Inventarisation erfolgt ist, verfügt das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland über keinen wirklich flächendeckenden Überblick über sämtliche Zeugnisse der Braunkohlenindustrie.


Hier kommen die Finanzhilfen des Bundes zum Strukturwandel erneut ins Spiel. Denn sie sollen nicht nur für sich transformierende Landschaften ausgegeben werden, die die Wirtschaftskraft stärken und fördern sollen, sondern auch die Kultur nimmt eine besondere Rolle ein. Auf Betreiben der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) beinhaltet das Investitionsgesetz Kohleregionen auch die "Auflage eines Förderprogramms (…) zum Erhalt und zur Umgestaltung herausragender Industriegebäude und –anlagen zu lebendigen Kulturdenkmälern" (§ 17 (1) InvKG). Mit fast 7 Mio. Euro unterstützt der Bund in Vorbereitung eines Investitionsprogramms für Industriedenkmäler von rund 285 Mio. Euro die vier betroffenen Bundesländer bei der flächendeckenden Bestandsaufnahme von Objekten der Braunkohlenindustrie sowie Hinweisen zu deren Nachnutzungspotentialen.

Das Erfassungsprojekt

Die Erfassungsarbeit erfolgt länderübergreifend und ist den zuständigen Denkmalpflegeämtern der vier betroffenen Bundesländer übertragen worden. Das Untersuchungsgebiet umfasst die Landkreise Rhein-Kreis-Neuss, Kreis Düren, Rhein-Erft-Kreis, Städteregion Aachen, Kreis Heinsberg, Kreis Euskirchen und die Stadt Mönchengladbach. Dabei werden alle baulichen Zeugnisse der Braunkohlenindustrie in den Blick genommen: von den Tagebauen mit ihren Tagebaugroßgeräten, Abraumhalden und Anlagen der Wasserhaltung bis zu den Kraftwerken und anderen Anlagen der Stromerzeugung und -verteilung, von der Braunkohleveredelung, also der Brikett-, Staub- und Koksherstellung sowie Braunkohleverflüssigung bis zu den hierfür erforderlichen Transporteinrichtungen auf Schienen oder Wasserstraßen mit ihren Häfen. Aber auch der Werkssiedlungsbau sowie Verwaltungsbauten und solche für Kultur- und Sozialpflege und zentrale Einrichtungen wie Werkstattgebäude sollen berücksichtigt werden.

Dieser objektbezogenen Erfassung übergeordnet ist eine Betrachtung der Natur- und Kulturlandschaftsentwicklung, die die landschaftsräumlichen Zusammenhänge bzw. kulturlandschaftlichen Strukturen der Tagebaue, Halden, der technischen und verkehrlichen Infrastruktur und ihrer Umsiedlungs- und Renaturierungsgebiete berücksichtigt. Auf diese Weise ist ein ganzheitliches Verständnis der Kulturlandschaftsentwicklung über diese wichtige und landschaftsprägende Phase der Industriegeschichte im Rheinischen Revier zu erhalten, die nun allmählich ihr Ende findet.

Vermittlung

In der gesellschaftlichen Wahrnehmung wird "die Braunkohle" aufgrund der Klimakrise mittlerweile eher negativ bewertet. Sie steht immer weniger für den Faktor Arbeit und mehr für den Verlust von Lebensraum, von Wäldern, Freiflächen und Dörfern. Das Schutz- und Erhaltungsinteresse der Denkmalpflege gegenüber diesen industriellen Zeugnissen muss in diesem Kontext ganz besonders erläutert werden. Daher sollen die Ergebnisse des Erfassungsprojektes auf unterschiedliche Weise veröffentlicht und zugänglich gemacht werden, z.B. in einer Publikation oder auf www.kuladig.de, dem Informationssystem des LVR zu Historischen Kulturlandschaften und dem landschaftlichen kulturellen Erbe. Die Einbettung einer eigens für das Erfassungsprojekt zu erstellenden Datenbank auf der Seite des LVR-ADR soll künftig auch als Forschungspool dienen.

Als Teil eines LVR-weiten Vermittlungsprojektes zum Strukturwandel im Rheinischen Revier, das sich der Dokumentation und Vermittlung historischer Erinnerungen widmet, werden darüber hinaus auch weitere Vermittlungsstrategien entwickelt, zum Beispiel für thematische Führungen oder Vermittlungsformate vor Ort. Sie sollen helfen zu verstehen, dass Kulturlandschaft einem permanenten Wandel unterzogen ist und Menschen sich an diese Situation stets angepasst haben mit Antworten, die im Rückblick selbst historisch werden.

Nicht zuletzt bietet das Erfassungsprojekt aber die große Chance, Akzeptanz für die Zeugnisse und die Bedeutung der Braunkohlenindustrie zu schaffen. So können Funktionszusammenhänge im System Braunkohle wie die Themen Wohnen und Arbeiten, Produkte der Braunkohle oder Verbundsysteme erläutert werden. Und letztlich bietet die Erfassung eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung von nachhaltigen Nutzungsperspektiven von Industrieanlagen unter wirtschaftlich tragfähigen und gleichermaßen denkmal- und kulturlandschaftspflegerischen Gesichtspunkten bei ausgewählten Objekten oder Strukturen. Wenn diese gelingt, können auch spätere Generationen noch anschaulich nachvollziehen, was die Braunkohle einmal zu einer der wichtigsten heimischen Ressourcen in Deutschland gemacht hat.

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