LVR-Amt für Denkmalpflege
im Rheinland
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Blick in die Kuppel des Oktogons des Weltkulturerbes Aachener Dom

Denkmalpflege im Rheinland

Berichte aus dem Amt

Aktuelle Berichte aus dem LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, kurz und knapp und auf den Punkt gebracht, von Mitarbeiter*innen des Fachamtes geschrieben:

"Gegen das neue Denkmal-NICHT-Schutzgesetz in NRW: Damit Denkmalschutz nicht ausgehebelt wird!"

Gegen die Neufassung des nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetzes hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) eine öffentliche Online-Petition mit dem Titel "Gegen das neue Denkmal-NICHT-Schutzgesetz in NRW: Damit Denkmalschutz nicht ausgehebelt wird!" gestartet. Die Petition wird von einem breiten unabhängigen Denkmalschutz-Bündnis von Verbänden und Institutionen sowie von zahlreichen Denkmaleigentümer*innen unterstützt.


Neues Denkmalschutzgesetz für NRW - Dr. Andrea Pufke im Sommergespräch der Architektenkammer NRW

Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW) veranstaltete am 15. Juni 2021 einen SummerTalk mit NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach und AKNW-Präsident Ernst Uhing. Eine der Gäste, die online zugeschaltet wurden, war Dr. Andrea Pufke, Landeskonservatorin Rheinland, mit dem Thema "Neues Denkmalschutzgesetz für NRW".

Veranstaltung verpasst? Der SummerTalk mit dem Beitrag der Landeskonservatorin (Thema Denkmalpflege ab ca. Minute 40:20) ist auf Youtube abrufbar unter:


Neues Denkmalschutzgesetz ohne Benehmen

Ministerin Scharrenbach will denkmalfachlich und juristisch schwachen Denkmalschutzgesetzesentwurf auf den Weg bringen. LVR nimmt auf 44 Seiten Stellung

Köln, 9. April 2021. Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung in NRW, hat einen Brief vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) erhalten, der sich in Sorge um die Zukunft der Denkmäler im Rheinland persönlich an die Ministerin wendet. Grund für das Schreiben ist das Vorhaben Scharrenbachs, ein neues Denkmalschutzgesetz in NRW zu installieren. Der LVR sieht in dem Gesetzentwurf erhebliche juristische und denkmalfachliche Schwächen. Die Stellungnahme des LVR (PDF, 1 MB)

im Rahmen der Verbändeanhörung umfasst 44 Seiten.

Der Status quo: Bewährte Praxis in der Denkmalpflege

Seit 1980 hat das Denkmalschutzgesetz NRW (DSchG NRW) den Umgang mit denkmalwerten Objekten verlässlich und zum Wohle der Denkmäler geregelt. Eine gutachterliche Evaluation unter Einbeziehung aller in der Denkmalpflege beteiligten Behörden hat das erst 2018 bestätigt. Lösungsvorschläge für einzelne Probleme in der praktischen Ausführung wären ohne größere Schwierigkeiten umsetzbar. Doch die Ministerin will nicht ausbessern, wie es gute Praxis in der Denkmalpflege ist, sondern das Gesetz neu schreiben – sehr zur Sorge des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland.

Neuer Gesetzestext stellt Schutz und Pflege von Denkmälern hinten an

Denkmäler sind zu schützen und zu pflegen, so heißt es im ersten Absatz des geltenden Denkmalschutzgesetzes. Auch in anderen Gesetzen wie zum Beispiel im Naturschutzgesetz oder im Tierschutzgesetz steht der Schutz des jeweiligen Belangs selbstverständlich an erster Stelle im Gesetzestext. Im Entwurf für ein neues Denkmalschutzgesetz allerdings ist das anders: Schutz und Pflege von Denkmälern muss man darin fast suchen.

Unsere Forderung: Im Denkmalschutzgesetz müssen Denkmalschutz und -pflege weiterhin Priorität haben. Das baukulturelle Erbe verdient ein starkes Denkmalschutzgesetz. (§ 1 Abs. 1)

Denkmäler contra Umweltschutz? Denkmäler sind per se nachhaltig

[…] insbesondere auch die Belange […] des Klimas, des Einsatzes erneuerbarer Energien […][sind] angemessen zu berücksichtigen“, wenn Belange des Denkmalschutzes nicht entgegenstehen. Mit diesem Einwurf wird unterstellt, Denkmalschutz und Klimaschutz seien Gegensätze, die künftig nach Möglichkeit zusammenzubringen seien.

Richtig ist stattdessen, dass durch die Denkmalpflegeämter auch bisher energetische Ertüchtigungen von Baudenkmälern denkmalgerecht ermöglicht wurden. Eine Fülle von praktischen Beispielen belegt dies. Außerdem sind Denkmäler aufgrund ihres oft beträchtlichen Alters und ihrer Reparaturfähigkeit mit zumeist natürlichen Materialien per se nachhaltig, während viele neuere Gebäude nach wenigen Jahrzehnten mitsamt ihrer oft schadstoffbelasteten Fassadendämmung wieder abgerissen werden – eine Umweltsünde!

Unsere Forderung: Denkmäler sollten als Baustein einer nachhaltigen Baukultur anerkannt werden und das Denkmalschutzgesetz dieser Tatsache Rechnung tragen. Der Belang Umweltschutz gehört – wie auch die Belange Wohnungsbau und Barrierefreiheit – nicht in ein Denkmalschutzgesetz. (§ 9 Abs. 3)

Angehört und überhört? Ende des Benehmens in der Denkmalpflege!

Das Benehmen ist seit 1980 selbstverständliche Praxis in der Denkmalpflege. Nach dem bestehenden Gesetz wird eine denkmalrechtliche Entscheidung nur getroffen, wenn es vorher zum Benehmen – einer Einigung nach fachlichem Austausch - zwischen den Beteiligten kommt: den Unteren Denkmalbehörden der Kommunen und dem zuständigen Fachamt der Landschaftsverbände. Die sogenannte Benehmensherstellung ist bedeutsam, weil die Unteren Denkmalbehörden in der kommunalen Verwaltung weisungsgebunden sind. Die Fachämter der Landschaftsverbände sind dagegen fachlich unabhängig. So soll nach bestehendem Gesetz verhindert werden, dass Denkmäler anderen - oft politischen oder wirtschaftlichen - Interessen zum Opfer fallen. Ziel ist vielmehr, die beste Lösung für das Denkmal zu erreichen.

Unsere Forderung: Die Benehmensherstellung muss zum Schutz der Baudenkmäler erhalten bleiben! Nur so ist gewährleistet, dass die Fachexpertise der Denkmalpflegeämter steuernd in den Entscheidungsprozess eingebracht wird. Eine Anhörung der Fachämter, die das Ministerium stattdessen einführen will, hat im Zweifelsfall keine Auswirkung – zum Schaden der Denkmäler! (§ 24)

In Widersprüche verwickelt: Das neue Gesetz hält nicht, was es verspricht

Ausdrücklich benennt das neue Gesetz die Bedeutung der Denkmalfachämter der Landschaftsverbände im Rahmen des „Mitwirkungsmechanismus“. Tatsächlich beschneidet es aber auf vielfältige Weise die Mitwirkungsrechte der Denkmalpflegeämter, besonders in der Baudenkmalpflege. Nicht nur das Benehmen entfällt. Vielleicht noch einschneidender und völlig unverständlich: Selbst einen Antrag auf Unterschutzstellung sollen die Denkmalpflegeämter in der Baudenkmalpflege künftig nicht mehr stellen dürfen. Dabei verfügen oft sie allein über die notwendige Fachkenntnis, eine Unterschutzstellung mit einem fachlichen Gutachten zu begründen, das notfalls auch vor Gericht bestehen muss. So ist zu befürchten, dass die Unterschutzstellung von Denkmälern künftig weitgehend ausbleibt.

Unsere Forderung: Das Recht, einen Antrag auf Unterschutzstellung zu stellen, muss als eine ihrer Kernaufgaben den Denkmalpflegeämtern der Landschaftsverbände zum Schutz der Denkmäler erhalten bleiben. (§ 23 Abs. 4)

Anspruch und Wirklichkeit: Die denkmalfachliche Kompetenz der Unteren Denkmalbehörden

Das neue Denkmalschutzgesetz hat zum Ziel, dass die Kommunen in Fragen des Baudenkmalschutzes weitgehend ohne die Fachämter ihre Entscheidungen treffen. Die fachlich hochkompetenten Denkmalpflegeämter der Landschaftsverbände sollen künftig nur noch marginal an denkmalrechtlichen Entscheidungen teilhaben. Das Problem: Viele Untere Denkmalbehörden vor allem kleiner Kommunen müssten personell und fachlich deutlich besser ausgestattet werden, um in ihre neue Rolle hineinwachsen zu können.

Unsere Forderung: Das Land darf die Kommunen durch das neue Gesetz nicht mit der Aufgabe allein lassen, die Fachlichkeit für den Vollzug des Gesetzes selbst zu organisieren. Hierfür bedarf es klarer Anforderungen an die Besetzung der Stellen. Die Unteren Denkmalbehörden müssen professionell besetzt und dadurch in die Lage versetzt werden, denkmalpflegerische Interessen innerhalb der Verwaltung, gegenüber den politischen Gremien und den Denkmaleigentümer*innen kompetent zu vertreten.

Zweiklassengesellschaft in der Denkmalpflege: Bodendenkmäler werden bevorzugt behandelt

Unter den Ungereimtheiten des Gesetzentwurfes fällt Eines besonders auf: Bau- und Bodendenkmäler werden unterschiedlich behandelt: Während Baudenkmäler künftig ohne den fachlichen Einfluss der Denkmalpflegeämter schutzlos dastehen werden, geschieht den Bodendenkmälern nichts ohne die bindende Einflussnahme der Bodendenkmalpflegeämter. Was bezweckt das Ministerium mit dieser Ungleichbehandlung beider Denkmalgattungen? Fachleute rätseln.

Unsere Forderung: Bau- und Bodendenkmäler benötigen gleichermaßen fachliche Einflussnahme durch die Denkmalpflegeämter. Baudenkmäler sind nicht weniger wert als Bodendenkmäler! Unterschiedliche Eintragungsverfahren für Bau- und Bodendenkmäler und eine unterschiedliche Behandlung in Erlaubnisverfahren stiften zudem Verwirrung in der Anwendung des Gesetzes.

Umgang mit dem Gartendenkmal: Ungereimtheiten durchziehen den Gesetzentwurf

Es gibt Denkmäler über und unter der Grasnarbe. Oben sind die Baudenkmäler, unten die Bodendenkmäler. Dann gibt es künftig – zwischen den Welten - noch die Gartendenkmäler. Nach dem bestehenden Gesetz gehören sie zu den Baudenkmälern. Das ist sinnvoll, denn was wäre Schloss Augustusburg ohne seinen Park oder Grabmale ohne den Friedhof? Ungeachtet dessen führt der Gesetzentwurf Gartendenkmäler als eigene neue Denkmalkategorie ein. Der Umgang mit ihnen erscheint auf den ersten Blick nicht durchdacht. So sollen künftig Gartendenkmäler wie Bodendenkmäler im sogenannten deklaratorischen Verfahren, also nur nachrichtlich, von den Unteren Denkmalbehörden in die Denkmalliste eingetragen werden. Die dazugehörige Villa dagegen wird getrennt behandelt: Sie soll wie bisher als Baudenkmal mit Verwaltungsakt im sogenannten konstitutiven Verfahren unter Denkmalschutz gestellt werden. Das könnte aber zu Problemen führen, wenn zum Beispiel eine Villa und der dazugehörige Garten als zwei getrennte Denkmäler mit unterschiedlichen Verfahren eingetragen werden, obwohl sie einen Sinnzusammenhang bilden. Wie die neue Regelung in der Praxis funktionieren soll, bleibt unklar – wie Vieles in dem neuen Gesetzentwurf.

Unsere Forderung: Gartendenkmäler gehören ganz und gar in den Zuständigkeitsbereich der Baudenkmalpflege, wie die Statue zum Park und der Garten zum Haus. Auch der rechtlich verbriefte Umgebungsschutz des Baudenkmals ist in vielen Fällen nur für Bau- und Gartendenkmal gemeinsam zu regeln.

Abfall vom Glauben: Ist der Gesetzentwurf verfassungskonform?

Das neue Denkmalschutzgesetz stattet Kirchen mit Sonderrechten aus, die weit über das kirchliche Selbstbestimmungsrecht hinausgehen. So sollen Religionsgemeinschaften, sofern sie Körperschaften öffentlichen Rechts sind, den Denkmalbehörden den Zutritt zu ihren Kirchen verweigern und damit die fachliche Einschätzung, ob es sich möglicherweise bei dem Gebäude um ein Denkmal handelt, verhindern können. Sie sollen außerdem zustimmen dürfen, ob sie mit einer Unterschutzstellung einverstanden sind und haben sogar die Möglichkeit, das Ministerium direkt um Entscheidung anzurufen, wenn die Untere Denkmalbehörde eine Erlaubnis für eine Maßnahme nicht erteilen will. Anderen Religionsgemeinschaften, zum Beispiel islamischen Kulturverbänden, wird dieses Recht nicht eingeräumt. Auch anderen Denkmaleigentümer*innen gegenüber besteht eine Ungleichbehandlung. Sollte der Entwurf in dieser Weise realisiert werden, wird es künftig kaum mehr möglich sein, Kirchen unter Denkmalschutz zu stellen.

Unsere Forderung: Alle Denkmäler und Denkmaleigentümer*innen müssen vom Gesetzgeber gleichbehandelt werden. Aus Sicht des LVR ist der Entwurf des Denkmalschutzgesetzes nicht verfassungskonform und lässt Zweifel an der Trennung von Staat und Kirche aufkommen. (zu §§ 26 und 38)

… und raus bist du: Jüngere Gebäude sollen zukünftig nicht mehr geschützt werden können

Da das Denkmalschutzgesetz eine Zeitgrenze einführt, wird es schwierig sein, jüngere Denkmäler auf die Denkmallisten zu bringen. Denkmäler sollen demnach in der Regel mindestens 50 Jahre alt sein. Das bedeutet, dass die Bauten ab den 1970er Jahren keine Chance auf Aufnahme in die Denkmallisten erhalten und durch den Veränderungsdruck auf dem Immobilienmarkt als Geschichtszeugnisse verloren gehen.

Unsere Forderung: Der Denkmalwert eines Gebäudes darf nicht von einer willkürlich gesetzten Altersgrenze abhängig gemacht werden. Eine Generation Abstand genügt in der Regel, um aus denkmalpflegerischer Sicht die Bedeutung eines Objektes einschätzen zu können. Das Denkmalschutzgesetz darf keine jungen Denkmäler verhindern. Es ist Aufgabe von Denkmalpfleger*innen, den geschichtlichen Wert zu erkennen, bevor es zu spät ist.

Fazit zum Entwurf für ein neues DSchG NRW:

Obwohl nur kleinere Reparaturmaßnahmen anstanden, gibt die Landesregierung das bewährte Denkmalschutzgesetz in wesentlichen Teilen auf. Der Entwurf für ein neues Denkmalschutzgesetz lässt nichts Gutes für Denkmalschutz und Denkmalpflege in NRW erwarten. Die Fachkenntnis der Baudenkmalpflegeämter mit ihren zusammenwirkenden Kompetenzen in verschiedenen Berufsfeldern wie Kunstgeschichte, Architektur, Städtebau, Restaurierung, Vermessung, Bauforschung – ergänzt um Zusatzqualifikationen wie Garten- und Industriedenkmalpflege - , sollen Entscheidungen zur Unterschutzstellung oder zum Umgang mit Baudenkmälern künftig nicht mehr beeinflussen können.

Dem neuen Denkmalschutzgesetz fehlt nicht nur das Benehmen – es bringt die Baudenkmäler des Landes in Gefahr. Durch die Bevorzugung von Kirchen ist es nach rechtlicher Auffassung des Landschaftsverbandes zudem verfassungswidrig.

Der Gesetzesentwurf beschneidet darüber hinaus die Rechte und Pflichten der Landschaftsverbände, die in der Landschaftsverbandsordnung (LVerbO § 5 Abs. 1b) und in der Landesverfassung verankert sind (Art. 18 Abs.2 NRWVerf).


WDR 3 FORUM sendet Podiumsdiskussion zur Gesetzesnovelle: Was bewirkt das neue Denkmalschutzgesetz?

Sendetermin verpasst? Hier geht´s zum Nachhören: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-forum/index.html

Kunst und Kultur im Diskurs: Im WDR 3 Forum diskutierten ausgewählte Gäste über aktuelle kulturelle und kulturpolitische Themen. Am Sonntag, den 25. April 2021, sendete der WDR-Hörfunk eine Podiumsdiskussion zur geplanten Neufassung des Denkmalschutzgesetzes NRW mit dem Titel "Was bewirkt das neue Denkmalschutzgesetz?".

Teilnehmer*innen der Diskussion sind:

  • Ina Scharrenbach
    Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen
  • Dr. Andrea Pufke
    Landeskonservatorin Rheinland
    Leiterin des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland
  • Dr. Holger Mertens
    Landeskonservator Westfalen-Lippe
    Leiter der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen
  • Dr. Steffen Skudelny
    Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
  • Dr. Hagen W. Lippe-Weißenfeld
    Vorstand Kulturpolitische Gesellschaft
  • Moderation: Dr. Michael Köhler (WDR/DLF)

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Neufassung des Denkmalschutzgesetzes: Denkmalschutz-Bündnis NRW informiert über Stellungnahmen im Rahmen der Verbändeanhörung

Das im Zuge des ersten Gesetzesentwurfs 2020 neu gegründete Denkmalschutz-Bündnis NRW informiert auf seiner Homepage über die jüngsten Entwicklungen in Zusammenhang mit der geplanten Neufassung des nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetzes.

Hier finden sich u.a. die pointierten Stellungnahmen wichtiger Akteure, die im Rahmen der Verbändeanhörung zu dem im März 2021 vorgelegten zweiten Gesetzesentwurf abgegeben wurden:

www.denkmalschutz-erhalten.nrw

Das Denkmalschutz-Bündnis NRW lehnt die geplante Neufassung des Denkmalschutzgesetzes NRW 2021 ab.

Das Bündnis hatte sich 2020 im Zuge der ersten Gesetzesvorlage gebildet, um die Novellierung des Denkmalschutzgesetzes aktiv zu begleiten. Zum Denkmalschutz-Bündnis NRW gehören die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Interessengemeinschaft Bauernhaus e. V., der Verband Deutscher Kunsthistoriker e. V., der Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege e. V., der Verband der Restauratoren e. V., der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e. V., der Westfälische Heimatbund e. V. und die Deutsche Burgenvereinigung e. V. und Professorinnen & Professoren in Nordrhein-Westfalen.

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Weiterer Fund von Kalksinter am Turm der evangelischen Kirche in Gummersbach

Über die im Mittelalter aus der römischen Eifelwasserleitung gebrochenen und zu Säulen, Altarplatten, Füllungen für Chorschranken und anderen Schmucksteinen verarbeiteten Kalksinterablagerungen wurde in der Zeitschrift "Denkmalpflege im Rheinland" des LVR-Amtes für Denkmalpflege zuletzt 2018 berichtet. Dabei wurden Neufunde des in seiner Verwendung und heutigen Erhaltung insbesondere von Klaus Grewe in mehreren Publikationen nahezu lückenlos dokumentierten Materials an den romanischen Türmen in Engelskirchen, Ründeroth und Gruiten vorgestellt. Ein weiterer Neufund von Säulen aus Kalksinter konnte jüngst im Zuge der Sanierung des Turmes der evangelischen Kirche in Gummersbach entdeckt werden.

Der mächtige, kaum gegliederte Turm des 12. Jahrhunderts mit seinen Giebelaufsätzen des späten 12. oder frühen 13. Jahrhunderts als ältestem Teil der heutigen Anlage erhebt sich vor dem teils noch aus romanischer und vor allem aus gotischer Zeit stammenden Kirchenbau. Der heute das Gebäude prägende, weiß gestrichene Verputz stammt von 1967, als die Steinsichtigkeit der historistischen Restaurierung von 1899 zugunsten eines als historisch richtig empfundenen Verputzes der Kirche aufgegeben wurde. Der mehrere Zentimeter starke, zementgebundene Putz ist äußerst hart. Aufgrund der unterschiedlichen Ausdehnungskoeffizienten von Mauerwerk und Zementputz sowie der damit verbundenen Spannungen, vor allem auf der Westseite des Turmes, hatte sich der Putz großflächig vom Untergrund abgelöst, was die derzeit laufende Instandsetzung zwingend notwendig machte. Nach ausführlichen Diskussionen um Verputz, Schlämme oder Steinsichtigkeit, etwa nach Vorbild der jüngst steinsichtig wiederhergestellten romanischen Türme in Wiehl oder Engelskirchen, wurde zugunsten der seit den 1960er Jahren überlieferten einheitlichen Erscheinung der Kirche entschieden und wegen des erheblichen Aufwandes zur Herstellung einer Steinsichtigkeit die Erneuerung schadhafter Bereiche des Verputzes beschlossen. Im Zuge der im Frühjahr 2019 begonnenen Instandsetzung des Turmes zeigte sich, dass der Verputz weitgehend entfernt werden musste und eine – vor allem auf der Westseite des Turmes – stark eingreifende Sanierung des in großen Flächen sehr maroden Mauerwerkes aus kleinteiligem Bruchsteinen von stellenweise überraschend schlechter Steinqualität notwendig wurde. Allerdings handelte es sich bei diesen Mauerwerksflächen wohl um Reparaturen und Instandsetzungen früherer Restaurierungen – wohl aus gotischer oder barocker Zeit. Die bauzeitlich erhaltenen Mauerflächen des Turmes zeigten die gleiche qualitätsvolle, typische Lagenhaftigkeit romanischen Mauerwerkes der Region, wie sie auch an den Türmen in Wiehl, Ründeroth, Engelskirchen oder beispielsweise an der Burg Blankenberg anzutreffen ist.

Während die Materialität der Basen, Säulen, Würfelkapitelle und Kämpfer der Schallöffnungen im Obergeschoss des Turmes und der beiden Fenster des darunterliegenden Geschosses nur lückenhaft geklärt werden konnten, da die hier dick aufliegende Mörtelschlämme von 1967 nicht entfernt wurde, trat im südlichen Giebel des Turmes ein überraschender Befund zutage: Nach Demontage der vier riesigen Zifferblätter der Turmuhr konnte hier ein zugemauertes Rundbogenfenster mit eingestellter Säule aufgedeckt werden. Vergleichbare Fenster waren auch an den anderen Giebeln vorhanden; auf der Westseite jedoch völlig durch neueres Mauerwerk ersetzt und an Nord- und Ostseite zwar noch offen, aber mit ausgebrochenen Säulen nur noch schmucklos erhalten. Lediglich im Fenster des Ostgiebels hat sich die Basis aus Kalkstein der hier ehemals vorhandenen Säule erhalten. Die im unteren Drittel einmal gebrochene, aber ansonsten sehr gut erhaltene Säule im Südgiebel besteht aus Kalksinter, dessen schöne Zeichnung sichtbar wird, wenn die Säulenoberfläche mit Wasser benetzt wird. Eine anschließende Probereinigung der Säule in der rechten, östlichen Schallöffnung der Südseite legte auch hier Kalksinter als Material frei.


Die Ausmauerung des Giebelfensters in Grauwacke-Bruchstein ist in hellem, fetten Kalkmörtel, der sich deutlich vom dunkleren und gröberen Versetzmörtel des Giebelmauerwerks unterscheidet, bündig mit der Säule ausgeführt, so dass ihre Vorderseite noch sichtbar blieb. Die Ausmauerung war ursprünglich mit einem dem Versetzmörtel identischen Mörtel verputzt und weiß gefasst. Ob die Säule dabei ausgespart wurde, ist aufgrund der wenigen erhaltenen Putzreste nicht mehr festzustellen. Es scheint aber wahrscheinlich, da eine freibleibende Säule trotz Vermauerung der Öffnungen den Charakter des Fensters mit eingestelltem Säulenschaft, Kapitell und Kämpfer beibehalten hätte. Der Verputz unterscheidet sich deutlich von romanischen Putzresten in der Laibung des Tuffsteinbogens über dem Fenster, wo sie gröber und dunkler ausfallen. Diese könnten zusammen mit der Vermauerung des Fensters aus gotischer Zeit stammen, vielleicht im Zusammenhang mit der Errichtung von Querhaus, Chor und südlichem Seitenschiff im 15. Jahrhundert.

Wo sich ursprünglich das Kapitell der Säule befand, klafft heute ein grob in das Mauerwerk geschlagenes Loch, durch welches die Zeigerachse der Turmuhr geschoben wurde. Vom Kämpfer sind lediglich Reste aus weißem Kalkstein, wohl wiederverwendetes römisches Material aus Norroy-lès-Pont-à-Mousson an der Mosel zwischen Metz und Nancy erhalten.

Mit dem Fund der zwei Kalksintersäulen am Turm der evangelischen Kirche in Gummersbach, sicher Reste eines hier ehemals größeren Bestandes, erweitert sich der bekannte Bestand von Kalksinter an romanischen Türmen des 12. Jahrhunderts neben Ründeroth und Engelskirchen um ein weiteres Beispiel in einem recht eng umgrenzten regionalen Bereich des Bergischen Landes. Nach der Sanierung des Turmes wird das vermauerte Fenster samt der Kalksintersäule wieder hinter dem Zifferblatt der Turmuhr verschwinden. Damit ist sie zwar der Sichtbarkeit entzogen, wird allerdings auch vor der Witterung geschützt.


Autor

Dipl.-Rest. Christoph Schaab

Leiter der Restaurierungswerkstatt für anorganische Materialien

christoph.schaab@lvr.de



18 Jahre FSJ beim LVR-ADR

Am 31. August 2020 beendete Sven Thissen sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Denkmalpflege. Interesse an der Baukultur, berufliche Orientierung und persönliche Weiterbildung waren seine Beweggründe, sich nach dem Abitur ein volles Jahr in der Denkmalpflege zu engagieren.

Seit 18 Jahren zählen die Teilnehmer*innen des FSJ für jeweils ein Jahr zu den Mitarbeitenden beim LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR). Der Start des Freiwilligendienstes im Jahr 2002 stand noch unter dem Motto: Erst einmal ausprobieren! Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit von Denkmalpfleger*innen und Jugendlichen in der Praxis? In welchen Bereichen können die Freiwilligen sinnvoll eingesetzt werden und dabei zugleich ihre praktischen und theoretischen Fähigkeiten erproben? Und: Welche Chancen ergeben sich für die Denkmalpflege? Die langjährigen Erfahrungen mit 30 Freiwilligen haben längst bestätigt: Die Arbeit ist von gegenseitiger Akzeptanz, gemeinsamen Interessen und einem vielschichtigen Mehrwert für alle Beteiligten geprägt.

Entsprechend der Aufgabenvielfalt des LVR-ADR wird das FSJ in einem bewährten "Curriculum" zugleich offen gestaltet. In einer dreimonatigen Einführungsphase lernen die Freiwilligen zunächst alle Abteilungen des Fachamtes kennen: Inventarisation, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Dokumentation und Restaurierung. Sie erhalten so auch Einblicke in die Arbeitsbereiche der zugehörigen Sachgebiete und Einrichtungen, z. B. Fotowerkstatt, Vermessung und Bauforschung, Gartendenkmalpflege, Bild- und Planarchiv, Registratur und Bibliothek. Nach dieser "Schnupperphase" bieten wir den Freiwilligen die Möglichkeit, nach persönlichen Neigungen und Zielen den Gestaltungsspielraum zu nutzen und eigene Schwerpunkte im denkmalpflegerischen Engagement zu setzen.

Großes Interesse an der Mitarbeit erfahren seit Jahren die Sachgebiete Bauforschung und Vermessung, die projektbezogen im Team zusammenarbeiten. Die FSJ'ler befassen sich in Theorie und Praxis mit spezialisierten Vermessungstechniken zur Dokumentation von Baudenkmälern. In der Praxis lernen sie das traditionelle Handaufmaß und die Gebäudevermessung mit dem Tachymeter. An vielen Projekten führen sie, angeleitet vom Team, Bauaufnahmen vor Ort und deren digitale Nachbereitung im Büro durch. Durch das Messen und Zeichnen erhalten die Freiwilligen einen begreifbaren Zugang zu Zeugnissen der Baukultur. Sie lernen im Prozess des Betrachtens und Dokumentierens historische Bautechniken und Baumaterialien kennen. So hat Sven Thissen, FSJ'ler 2019/20, seine Leidenschaft für die Gefügekunde des Fachwerks entdeckt. Mit großem Engagement unterstützte er das Team bei der Untersuchung und Dokumentation von ländlichen Fachwerkbauten. "Learning by doing" prägt auch die Zusammenarbeit mit der Bauforschung. Ungeklärte Fragen zur Baugeschichte eines Denkmals haben einen besonderen Reiz, der auch darin besteht, diese Fragen im Team zu erörtern und gemeinsam zu entschlüsseln. Die Freiwilligen werden hier vielfach eingesetzt, sei es, dass sie nach fachlicher Anleitung vor Ort Kartierungen anfertigen, sei es, dass sie die Ergebnisse in Schaubildern für die Öffentlichkeit aufbereiten. So verdanken wir den Freiwilligen einen mittlerweile beeindruckenden Bestand an computergestützten Zeichnungen, die sie für Gutachten und für Veröffentlichungen des Amtes erstellen. Hier zeigt sich exemplarisch, dass sie sich im Verlauf des Jahres ein grundlegendes Wissen in der Denkmalkunde angeeignet haben und eine echte Unterstützung bei der tagtäglichen Arbeit sind. Die Freiwilligen werden auch gezielt dort eingesetzt, wo ihre Hilfe aktuell benötigt wird. Beispielsweise für die Datenbank Bodeon, in dem Bild- und Planarchiv oder bei der Aktenverwaltung in der Registratur. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sie die Arbeiten zur Archivierung des kulturellen Wissens sehr engagiert und mit hohem Verantwortungsbewusstsein durchführen. Johannes Geelen (FSJ'ler 2017/18) hat in der praxisnahen Archivarbeit seine Leidenschaft und Berufung entdeckt: Er entschied sich für das Studium der Geschichte und arbeitet seitdem als studentische Hilfskraft im Bild- und Planarchiv des LVR-ADR weiter.

Große Anziehungskraft haben die Restaurierungswerkstätten, wo die Freiwilligen Verfahren der Reinigung, Konservierung und Restaurierung kennen lernen und die Restaurator*innen bei Untersuchungen von Bau- und Kunstdenkmälern begleiten. Dem großen Interesse seitens der Freiwilligen werden wir im kommenden Zyklus 2020/21 gerecht, indem wir hier einen weiteren Arbeitsschwerpunkt einrichten mit der Perspektive, künftig (wie auch schon früher) wieder zwei FSJ-Stellen anzubieten.

Die "Baustelle im Außendienst" offenbart sich immer wieder als multithematischer Lernort für Geschichte, Handwerk, Baukultur und Begegnungen. In diesem Sinne begleiten die Freiwilligen regelmäßig die Denkmalpfleger*innen zu Beratungsgesprächen im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen. Sie lernen die Zusammenarbeit mit den Denkmalbehörden, Eigentümer*innen, Architekt*innen und Handwerker*innen kennen. Diese direkte Begegnung mit den umfassenden Aufgaben der Denkmalpflege, die Teilnahme an Gesprächen und Erörterungen, sensibilisiert das Verständnis für das gesellschaftliche Anliegen, Denkmäler zu bewahren. Und anders herum: Die Akzeptanz und Zukunft von Denkmalschutz und -pflege kann erheblich davon profitieren, wenn der Gesellschaft bewusst ist, dass die nächste Generation auf die Vergangenheit baut – und wir gemeinsam in die Zukunft gehen.

Sven Thissen hat ein klares Ziel vor Augen: An das Erlebte soll nun ein Studium der Architektur mit den Schwerpunkten Denkmalpflege und historische Bauforschung anknüpfen.

Weitere Informationen:
3.500 Jugendliche haben bisher in den Einsatzstellen einer der bundesweit 15 Jugendbauhütten ein FSJ in der Denkmalpflege absolviert. Die Jugendbauhütten sind ein Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in der Trägerschaft der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD). Vorbild der Jugendbauhütten ist das Prinzip der mittelalterlichen Bauhütten, in denen gemeinsam gearbeitet wurde und der Lehrling vom Meister noch am Original lernte.
Ijgd Jugendbauhütte NRW-Rheinland: http://fsj.denkmal.rheinland@ijgd.de


Autorin

Foto: Dr. Kristin Dohmen

Dr. Kristin Dohmen

Leiterin Sachgebiet Bauforschung der Abteilung Dokumentation

kristin.dohmen@lvr.de



Digitale Bilder online für Forschung und Lehre – Kooperationsvertrag mit prometheus e.V.

In Zeiten der Digitalisierung gewinnt die Online-Recherche und -Verfügbarkeit von Bildern immer mehr an Bedeutung. Bereits seit fast 20 Jahren stellt die Plattform prometheus – Das verteilte digitale Bildarchiv für Forschung & Lehre (www.prometheus-bildarchiv.de) qualitativ hochwertige, digitalisierte Bilder aus Kunst, Kultur und Geschichte für Forschung und Lehre zur Verfügung. Das Bildarchiv verbindet 107 Instituts-, Forschungs- und Museumsdatenbanken unter einer Oberfläche mit insgesamt 2.693.789 digitalen Bildern (Stand Dezember 2020). Seit kurzem gehört auch das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) mit einem Bestand von 641 Zeichnungen dazu. Sie stammen aus den 1720-1730 entstandenen Skizzenbüchern von Renier Roidkin, der als Wandermaler zahlreiche Burgen und Stadtansichten im Rheinland, in der Nordeifel und im heutigen Belgien zeichnete. Sie sind historisch besonders wertvoll, denn sie dokumentieren Ortsbilder und Landschaften im 18. Jahrhundert und gehören zu den Sammlungsbeständen im LVR-ADR, die besonders häufig nachgefragt werden. Daher bilden sie auch den Auftakt in prometheus, weitere Bestände sollen folgen. Vermittelt durch die Abteilung Digitales Kulturerbe im LVR-Dezernat Kultur und Landschaftliche Kulturpflege schloss das LVR-ADR einen Kooperationsvertrag mit dem Bildarchiv ab, das seinen Sitz am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln hat und durch den gemeinnützigen Verein prometheus e.V. zur Förderung von Wissenschaft und Forschung vertreten wird. Das Bildarchiv prometheus basiert auf Lizenzen und wird vor allem von Wissenschaftler*innen und Studierenden genutzt. Die Roidkin-Zeichnungen sind aber im Open-Access-Bereich auch für alle anderen Interessierten recherchierbar und stehen unter der Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 unter der Bedingung der Namensnennung von Urheber und Rechteinhaber für die Nutzung zur Verfügung.


Autorin

Foto: Dr. Ulrike Heckner

Dr. Ulrike Heckner

Abteilungsleiterin Dokumentation

ulrike.heckner@lvr.de



Leichlingen, Windfoche 1 - eine Hofschaft erzählt

Erkunden, Vermessen und Dokumentieren prägen die Vorbereitungen zur Instandsetzung eines Wohnhauses mit Stallung und Scheunen in der typisch bergischen Hofschaft Windfoche, nordöstlich von Leichlingen. Umgeben von Wald- und Wiesenflächen umfasst sie heute noch vier Einzelgehöfte aus locker gruppierten Gebäuden in Fachwerkbauweise. Besonders authentisch hat das Gebäude mit der Hausnummer 1 das Gesicht der ländlichen Bauweise und Siedlungsform bewahrt. Seit 1981 ist das Fachwerkwohnhaus unbewohnt und offenbart mit Stallanbau und Quertennenscheunen eine Fundgrube an historischen Baumaterialien, Ausstattungen, Konstruktionen und Wandmalereien, die vom Leben und Wirtschaften des bäuerlichen Betriebs im 18. und 19. Jahrhundert erzählen. Die wenigen jüngeren Modernisierungen haben seine Authentizität nicht beeinträchtigt, deswegen wird das Gehöft von den neuen Eigentümern gemeinsam mit dem LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland erfasst und bauvorbereitend analysiert. "Alle 140 Jahre wieder" – so resümiert der Bauherr perspektivisch die Sanierungsgeschichte von Windfoche 1: Um 1750 in Fachwerkbauweise errichtet, erfuhr der Baubestand im Jahr 1884 Instandsetzungen und soll jetzt, nach weiteren 140 Jahren, erneut für die Zukunft ertüchtigt und zum Wohnen genutzt werden.

Das Wohnhaus darf aus heutiger Sicht mit einem räumlich gut organisierten Minihaus verglichen werden. Der Hauseingang führt in den Herdküchenraum, der mit nur 8 qm Größe der Hauptaufenthaltsraum der Familie war. Drei Türen erschließen von dort die gute Stube, die Kammer und den Stall, zwei Treppen führen in das Obergeschoss und in den Gewölbekeller. Von der Haustechnik zeugt die einst raumfüllende Herdstelle an der Wand zur Stube sowie eine verschließbare Wandnische in der gegenüberliegenden Kammer. Öffnet man diese, so blickt man in einen aus Bruchsteinen gemauerten Brunnen, der frisches Grundwasser für den Alltag lieferte. Im Obergeschoss wiederholt sich die Raumstruktur mit Stiege in das Dachgeschoss. Dass hier in Heimarbeit gewebt wurde, ist mündlich überliefert. Spuren an den Sparren zeugen von der Befestigung des Webstuhls.

Klein, aber fein durchdacht, ist das Haus lediglich aus den notwendigen Bauhölzern gezimmert. Die zweckmäßige Ständerbauweise, der Verzicht auf Streben und die dünnen Dimensionen der Holzquerschnitte resultieren aus einem Problem, das allen Bauherren im 18. Jahrhundert begegnete: der Rückgang der Laubwälder, mit dem eine zunehmende Verknappung des Rohstoffes Holz und damit eine Verteuerung des Bauholzes einherging. Die Gefache, überwiegend noch mit Staken und Weidengeflecht geschlossen, sind mit Lehmbewurf verdichtet und tragen Kalkschlämmen, deren letzte Fassung einen lebhaften Eindruck von der Sanierung 1884 geben: Das Fachwerkwohnhaus präsentierte sich in leuchtendem Ultramarinblau, einer äußerst begehrten Farbe, die seit 1834 in den bergischen Ultramarinfabriken von Carl Leverkus synthetisch hergestellt wurde. Mit dem blauen Erscheinungsbild des Äußeren ging auch die Neuausstattung des Wohnhauses einher: Neue Rahmenfüllungstüren mit fein profilierten Zargen und eine Treppe mit gezierten Stab- und Antrittsbalustern hielten Einzug in das Wohnhaus Windfoche 1. Dazu wurden die Wände farblich neu gefasst: In den oberen Zimmern zeugen farbenprächtige Blumen- und Astwerkmotive von dem Einsatz der im 19. Jahrhundert aufkommenden Strukturwalzen. Die Rollen mit aufgeprägten Gestaltungsmustern wurden in die Farbe getaucht, leicht abgestrichen und dann auf der gekälkten Wand abgerollt, sodass leicht variierende, sehr lebhafte Muster entstanden sind. Dabei stand das Motiv der Natur im Vordergrund: das den Waldhängen zugewandte Zimmer zeigt in den Farben Rotbraun und Grün wechselndes Astwerk mit fünfblättrigen Blumen und Knospen auf hellem Grund. Stets variierende florale Motive in leuchtenden Farben prägen die weiteren Kammern und entfalten ihre ganz eigenständige Raumwirkung.

Die Modernisierung von 1884 spricht für gewissen Wohlstand, der zugleich die Erweiterung der Wirtschaftsgebäude möglich machte. Die Quertennenscheune aus der Erbauungszeit wurde in Firstrichtung um eine fast getreue Kopie erweitert. Beide Quertennen besitzen die bautypisch dreiteilige Binnengliederung und werden über die mittig gelegenen Einfahrten vom Feld aus beliefert. Traufhohe Tennenleitern an den Bundwänden erschließen den oberen Scheunenboden, wo das Erntegut einst gelagert und gedroschen wurde.

Gegenüber dieser Doppelscheune erschließt eine Klöntür hofseits den 1884 erbauten Fachwerkstall, der mit vielen Baudetails erneut Einblick in den bäuerlichen Betrieb gewährt. Neben dem kleinen Stall für Kleinvieh zeugt eine Abmauerung mit winzigem Fenster und Erdgrube von der Toilette des Bauernhofes. Daneben liegen der Kuh- und Pferdestall mit einer besonderen baulichen Einrichtung: Eine Bohlenbretterwand separiert die Stallungen für das Großvieh in Längsrichtung des Baus. Sie integriert Futtertröge aus Sandstein. Auf der scheunenzugewandten Seite besitzt die sorgfältig verzimmerte Bohlenwand Klappläden zur Füllung der Tröge mit Heu. Dass dieser Bauteil ein zweiflügeliges Sprossenfenster mit seitlicher Klöntür besitzt, wirft Fragen über die Wohn- und Wirtschaftsfunktionen auf. War hier die Wohnkammer des Stallknechtes angesiedelt? Dieses und noch weitere Rätsel versuchen Bauherrenschaft und Denkmalpflege vor der Instandsetzung zu lösen. Auch wenn dies nicht immer gelingt, ist gewiss: Das Gehöft Windfoche 1 hat Eigentümer gefunden, die genau hinschauen und die vom Bauwerk selbst erzählte Geschichte in eine Zukunft führen.


Autorin

Foto: Dr. Kristin Dohmen

Dr. Kristin Dohmen

Leiterin Sachgebiet Bauforschung der Abteilung Dokumentation

kristin.dohmen@lvr.de



Mitarbeiter*innenporträts: Was macht eigentlich Anne Lotta Jöckel im LVR-ADR?

Mein Name ist Anne Lotta Jöckel und ich bin seit dem 01. Februar 2020 wissenschaftliche Hilfskraft in der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege im LVR–Amt für Denkmalpflege im Rheinland.

Aktuell studiere ich im Master Raumplanung an der TU Dortmund und bereite meine Masterthesis vor. Mein fachlicher Schwerpunkt liegt im Städtebau, wobei insbesondere die Erstellung städtebaulicher Entwürfe sowie die Methodik zu umfangreichen Raumanalysen im Fokus stehen. Zuvor habe ich meinen Bachelor in Geographie absolviert sowie die juristische Zwischenprüfung an der Universität Bonn abgeschlossen.

Schon während meines Studiums gab es direkte und indirekte Berührungspunkte mit denkmalpflegerischen Fragestellungen. Hierbei ist vor allem die Berücksichtigung von Denkmälern im Rahmen meiner studentischen Entwurfsarbeiten zu nennen, welche nicht nur aufgrund ihrer historischen und identitätsstiftenden Eigenschaften bewahrt, sondern auch durch die Einbettung in neu geplante Strukturen "in Szene gesetzt" werden sollten. Der hierbei entstehende Konflikt zwischen dem Schutz des Denkmals und dessen Wirkungsraums auf der einen Seite sowie der Raumwirkung von Planvorhaben auf der anderen Seite wurde bereits während meines Studiums deutlich und beschäftigt mich auch heute hauptsächlich bei meiner Arbeit im LVR-ADR.

Neben der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege bin ich dem abteilungsübergreifend organisierten Sachgebiet Städtebauliche Denkmalpflege zugeordnet und untersuche, inwieweit denkmalpflegerische Belange bei Planungen und Vorhaben betroffen sind. Wenn die Beeinträchtigung eines Baudenkmals festgestellt wird, unterstütze ich meine Kolleg*innen bei der Erstellung von Stellungnahmen im Rahmen der Behördenbeteiligung von Planverfahren, an denen das LVR-ADR qua Denkmalschutzgesetz NRW als Träger öffentlicher Belange zu beteiligen ist.

An meiner Arbeit gefällt mir insbesondere, dass jederzeit kreative Ideen und Lösungsansätze eingebracht werden können, beispielsweise im Rahmen von Stellungnahmen, aber auch durch die Mitwirkung an wissenschaftlichen Beiträgen. Der fachliche Austausch wird nicht nur durch Meetings mit dem großen und interdisziplinären Team gewährleistet, sondern auch durch die Möglichkeit zur Teilnahme an Ortsterminen sowie ein großes Angebot an Fortbildungsmöglichkeiten.

Durch meine Arbeit erhoffe ich mir, neben meinem Studium praktische Erfahrungen zu sammeln sowie vertiefende Einblicke in denkmalpflegerische Themen zu erhalten. In meinen ersten beiden Monaten beim LVR-ADR war die größte Herausforderung, Planverfahren nicht mehr nur aus der gesamtplanerischen Sichtweise einer angehenden Raumplanerin zu betrachten, sondern vor allem die Belange der Denkmalpflege in den Fokus zu setzen. Eine große Hilfe ist hierbei das Know-How meiner Kolleg*innen, welche langjährige Erfahrungen mit kunst- und bauhistorischen Fragestellungen haben. Gleichzeitig helfen mir meine gesamtplanerischen, geographischen und juristischen Vorkenntnisse bei der schnellen Erfassung der Umweltauswirkungen von Planungen und Vorhaben sowie bei der Bewertung räumlicher Planungsalternativen und der Formulierung von Empfehlungen.


Autorin

Anne Lotta Jöckel

Wissenschaftliche Hilfskraft Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege

anne-lotta.joeckel@lvr.de