LVR-Amt für Denkmalpflege
im Rheinland
Logo Landschaftsverband Rheinland - zur Startseite
Blick in die Kuppel des Oktogons des Weltkulturerbes Aachener Dom

Denkmalpflege im Rheinland

Berichte aus dem Amt

Aktuelle Berichte aus dem LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, kurz und knapp und auf den Punkt gebracht, von Mitarbeiter*innen des Fachamtes geschrieben:

Die Heilige Stiege auf dem Bonner Kreuzberg: Restaurierungsarbeiten an den Steinplatten im Eingangsbereich

Die Heilige Stiege auf dem Kreuzberg in Bonn stellt eine Nachbildung der Scala Santa in Rom dar. Auf dieser Treppe soll Jesus vor seiner Verurteilung am Haus von Pontius Pilatus in Jerusalem emporgestiegen sein. Der Legende nach wurde sie im Jahre 326 von Helena nach Rom gebracht. In Bayern waren derartige Heiligen Stiegen sehr verbreitet, im Rheinland hingegen ist die Heilige Stiege in Bonn die einzige ihrer Art. Gläubige pilgern noch heute Karfreitag und Karsamstag hinauf zum Berg, um dort auf Knien die 28 Stufen der Stiege zu erklimmen. Aufgrund der hohen Belastung einzelner Bodenplatten im Eingangsbereich der Heiligen Stiege waren restauratorische Maßnahmen an den Steinplatten notwendig geworden. Bei der 2019 begonnenen und derzeit noch laufenden Maßnahme konnten gezielt einzelne Platten restauriert sowie stark geschädigte Platten ausgetauscht werden. Die Restaurierungsmaßnahmen boten darüber hinaus die Gelegenheit, genauer auf die Heilige Stiege, ihre Vorbilder und das gegenwärtige Ensemble aus Kirche und Klostergebäuden zu schauen.

Schon seit Jahrhunderten war der Kreuzberg eine Wallfahrtsstätte. 1627 legte Ferdinand von Bayern, Kurfürst und Erzbischof Kölns, den Grundstein zu einer neuen Wallfahrtskirche, deren Weihe 1628 erfolgte. Sie diente als Nachfolgebau einer verfallenen Waldkapelle. Bei der Belagerung Bonns 1689 wurde die Kirche geplündert, das Kloster ausgeraubt und der Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg bezog hier sein Hauptquartier. Nachdem Clemens August, Erzbischof und Kurfürst von Köln, die Kirche nach ihrer Zerstörung im Inneren in barocken Formen wiederherstellen ließ, stiftete er den Bau der Heiligen Stiege. Von Balthasar Neumann entworfen, wurde sie 1746–1751 an den Chor der Kirche angebaut. Bei dem Anbau handelt sich um ein zweigeschossiges Gebäude. An der Fassade findet sich auf zwei vorgelagerten Säulen ein Balkon mit drei lebensgroßen Steinfiguren einer Pilatusszene (Ecce Homo-Darstellung). Im Inneren besteht die Heilige Stiege aus einem langgestreckten, rechteckigen Raum. Drei Treppenläufe von je 28 Stufen führen von dem Portal aufwärts. Die mittlere Treppe und die Schranken bestehen aus buntfarbigem Lahnmarmor, die seitlichen Treppenläufe aus Berkumer Trachyt. Kleine Messingkreuze auf der zweiten, elften und 20. Marmorstufe symbolisieren die Blutstropfen Christi und markieren die Stellen, an welchen der Legende nach Fragmente des Kreuzes Christi in die Treppe eingelassen sein sollen. In der Kapelle am Ende der Treppe steht ein Altar mit einer Kreuzigungsgruppe und die Wände und das Gewölbe sind mit Episoden der Passionsgeschichte von Johann Adam Schöpf ausgemalt. Ergänzt werden diese Malereien durch plastischen Schmuck der Bildhauer Anducci und Carnioli.


Bei den verwendeten Gesteinen handelt es sich bis auf den Lahnmarmor um Material aus der näheren Umgebung. Der Berkumer Trachyt, aus welchem die seitlichen Treppenläufe im Inneren sowie die Außentreppe bestehen, wurde am Wachtberg südlich von Bonn abgebaut. Bis auf stellenweise stark beschädigte Fugen befinden sich die Stufen in einem guten Zustand. Bei den aktuellen Restaurierungsmaßnahmen wurden die geschädigten Fugen entfernt und mit einem mineralischen Fugenmörtel erneuert. Es folgen zwei weitere Stufen aus Andesit aus dem Siebengebirge, über die durch ein Portal der Eingangsbereich betreten wird. Die Stufen sind leicht verwittert, und ihre Oberfläche ist nach dem Verlust einer Schale aufgeraut. Die Fehlstellen wurden hier mit Steinergänzungsmörtel geschlossen. Der Boden im Eingangsbereich besteht abwechselnd aus großen, achteckigen Grauwacke-Platten und kleineren, viereckigen Platten aus Blaustein mit einzelnen, weißen Adern. Die Bodenplatten aus Grauwacke sind weicher und dadurch stärker geschädigt als die Platten aus dem härteren Blaustein. Einige Platten wurden während einer früheren Restaurierungsmaßnahme in Kunststein ergänzt und einzelne Fugen mit einem zu harten, zementgebundenen Mörtel erneuert. Einzelne Platten aus Grauwacke sind so kleinteilig zerbrochen, dass ein Austausch gerechtfertigt werden konnte. Beim Blaustein dagegen mussten nur sehr wenige Platten ausgetauscht werden. Weniger stark geschädigte und zerbrochene Platten konnten ausgebaut, geklebt, die Fehlstellen mit Steinersatzmörtel geschlossen und wieder eingebaut werden. Für den Austausch der Grauwacke-Platten konnte ein passendes Material aus den oberen Lagen eines Steinbruchs in Lindlar gefunden werden. Dieses fügt sich farblich und in seiner Textur sehr gut in die historischen Platten ein. Um auch für einen zukünftigen Steinaustausch das geeignete Steinmaterial zur Verfügung zu haben, wurden weitere Platten aus Grauwacke eingelagert. Geeignete Blaustein-Platten zum Austausch konnten aus alten Lagerbeständen bereitgestellt werden. Die unschön ausgeführten Fugen wurden entfernt und mit einem kapillar aktiven, farblich angepassten Fugenmörtel erneuert.

Mit diesen minimalen Eingriffen konnten die Steinplatten für die Zukunft gesichert und ebenso das Erscheinungsbild der Treppe sowie des Eingangsbereiches wieder aufgewertet werden.

nach oben


Autorin

Dipl.-Rest. Verena Wetter

Restauratorin für Wandmalerei und Stein in der Werkstatt für anorganisches Kulturgut

verena.wetter@lvr.de



Duisburg: Sanierung des Turmes der Salvatorkirche abgeschlossen

Anfang 2019 musste der im Kern spätgotische Turm der evangelischen Salvatorkirche in Duisburg eingerüstet und einer Sanierung unterzogen werden, da an verschiedenen Stellen teils erhebliche Schäden an der Steinsubstanz festgestellt wurden, und die Gefahr herabfallender Steine nicht mehr ausgeschlossen werden konnte. Größere Steinstücke hatten sich vor allem im Bereich des 1903/04 im Zuge des neugotischen Ausbaus der Kirche entstandenen, oktogonalen Obergeschosses aus Obernkirchener Sandstein des knapp 60 Meter hohen Turmes gelöst, an Brüstungen und Maßwerken waren Risse entstanden, die Fugen waren stellenweise defekt, und der Mörtel hatte sich von den Fugenflanken gelöst. Besonders dramatisch war die Situation des mittleren Maßwerkaufstandes des nördlichen Turmfensters des Oktogons: Hier war ein großes Stück des Maßwerkes vom Werkstück abgerissen und stand vollkommen lose auf dem Oberlager des rechten Stabes des dreibahnigen Fensters. Ein starker Sturm hätte es in die Tiefe stürzen lassen können. Die Schäden waren hier vor allem auf Rostsprengung des am Turm in großer Menge verbauten Stahls für Windeisen und Anker zurückzuführen, an den gerissenen Brüstungen vielleicht auch auf das Erdbeben von Roermond vom 13. April 1992.

Starke Schäden durch eine Hydrophobierung, die bei einer Sanierung in den frühen 1980er Jahren auf die Tuffsteine aufgebracht wurde und die bereits in der letzten umfassenden Sanierung der Salvatorkirche in den 1990er Jahren den Austausch vieler Steine notwendig machten, erforderten wiederum Steinauswechslungen im Bereich der tuffummantelten Turmgeschosse unterhalb des Oktogons. Die weitgehend von 1903/04 stammenden Handquader und Werksteine aus Weiberner Tuff zeigten fast durchgängig eine dünne Schalenbildung in der Tiefe der von der Hydrophobierung erfassten Zone, ein Schadensbild, welches insbesondere bei Weiberner Tuff zwangsläufig nach ein bis zwei Jahrzehnten nach einer Hydrophobierung auftritt und sich so lange weiterentwickelt, bis die hydrophobierte Haut völlig vom nicht hydrophoben Kern der Steine abgestoßen ist. Der Turm der Salvatorkirche ist regelrecht ein Musterbeispiel für diesen Schadensverlauf. Allerdings sind die abgelösten Schalen so dünn und fallen in so kleinen Stücken herab, dass durch diesen Schadensmechanismus weder eine ernsthafte Gefahr durch Steinschlag noch eine Gefährdung der Statik der betroffenen Bauteile oder ein übermäßiger Verlust an Kantenschärfe und Linienführung der Architektur entsteht. Verloren gehen allerdings die bauzeitlichen Steinoberflächen, die hier in der üblichen Art der Zeit um 1900 in unterschiedlichen Richtungen fein scharriert waren. In einer Sanierung der 1990er Jahre waren entsprechend der damaligen denkmalpflegerischen Vorstellungen glatt gesägte Weiberner Tuffsteine als Austauschmaterial für stärker geschädigte Werkstücke eingesetzt worden. In der aktuellen Restaurierung wurden nach Bemusterung jedoch wieder scharrierte Steine eingebaut, allerdings mit durchgängig in gleicher Neigung diagonal gesetztem Hieb, so dass sich die Steine aus unterschiedlichen Sanierungsphasen gut voneinander unterscheiden lassen, in der Gesamtheit aber eine einheitliche Wirkung haben. Im Bereich des neugotischen Oktogonaufbaus wurden Vierungen und Neustücke passend zum Bestand wiederum in Obernkirchener Sandstein ausgeführt. Ergänzungen wurden hier vor allem an den Maß- und Stabwerken der Fenster und an einzelnen Brüstungen erforderlich. Einzelne Fialen und Kreuzblumen, die sich gelockert hatten, mussten neu versetzt werden. Kleinere Ergänzungen von Fehlstellen der Bauzier, insbesondere Krabben an den zahlreichen Fialenschäften und Kreuzblumen, wurden nur da ausgeführt, wo sie an den Außenkanten der Turmaufbauten möglicherweise von unten sichtbar sind. Zahlreiche Ergänzungen der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die zumeist in unpassendem Steinmaterial, vor allem Savonnières-Kalkstein und verschiedenen Sandsteinen ausgeführt worden waren, wurden belassen.

Die an den Turmkanten vereinzelt vorhandenen Quader aus Drachenfelser Trachyt, die zweifellos noch den mittelalterlichen Ausbauphasen des Turmes entstammen und beim Ausbau 1903/04 sicher als Reminiszenz an das hohe Alter des Turmes zwischen die neuen Quader aus Tuffstein und Obernkirchener Sandstein gesetzt wurden, zeigten lediglich oberflächliche Schäden in Form von Schalenbildungen und schuppigen Rückwitterungen. Der Austausch von Werkstücken war hier nicht erforderlich. Geschädigte Bereiche wurden lediglich vorsichtig abgearbeitet und stellenweise zur Verbesserung der Wasserführung mit Restauriermörtel ergänzt.

Glücklicherweise war die bildhauerisch ausgearbeitete Bauzier des Turmes, insbesondere die 12 als männliche und weibliche Köpfe ausgebildeten Konsolen samt des zugehörigen Laubwerks der großen Fialen, die sich aus dem letzten Vollgeschoss des Turmes entwickeln, die vier Wasserspeier dieses Geschosses und die sieben von ehemals acht Wasserspeiern des oktogonalen Aufbaus, aber auch die vier kleinen Wasserspeier des Treppentürmchens weitgehend intakt, so dass ein konservatorisches Eingreifen nicht erforderlich war.

Die Fugen wurden mit einem auf die Farbigkeit des Tuffsteins eingestellten Mörtel als Baustellenmischung auf Basis von natürlichem hydraulischen Kalk mit geringem Trasszementzusatz, der im Bereich der Bauteile aus Obernkirchener Sandstein etwas höher eingestellt ist, durchrepariert. Die zunächst angestellte Überlegung, die Fugen zwischen den zumeist schwarz verkrusteten Bauteilen aus Sandstein dunkler einzufärben wurde nach einer entsprechenden Bemusterung nicht weiterverfolgt. Intakte Fugen wurden belassen. So konnte auch eine größere Fläche auf der Nordseite des unteren Turmgeschosses, die noch nahezu vollflächig die Kalkmörtelverfugung von 1903/04 zeigte, unangetastet bleiben.

Die Sanierung wurde in regelmäßigen Ortsterminen von der Abteilung Restaurierung im LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland begleitet.


Autor

Dipl.-Rest. Christoph Schaab

Leiter der Restaurierungswerkstatt für anorganische Materialien

christoph.schaab@lvr.de



Mitarbeiter*innenporträts: Was macht eigentlich Anne Lotta Jöckel im LVR-ADR?

Mein Name ist Anne Lotta Jöckel und ich bin seit dem 01. Februar 2020 wissenschaftliche Hilfskraft in der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege im LVR–Amt für Denkmalpflege im Rheinland.

Aktuell studiere ich im Master Raumplanung an der TU Dortmund und bereite meine Masterthesis vor. Mein fachlicher Schwerpunkt liegt im Städtebau, wobei insbesondere die Erstellung städtebaulicher Entwürfe sowie die Methodik zu umfangreichen Raumanalysen im Fokus stehen. Zuvor habe ich meinen Bachelor in Geographie absolviert sowie die juristische Zwischenprüfung an der Universität Bonn abgeschlossen.

Schon während meines Studiums gab es direkte und indirekte Berührungspunkte mit denkmalpflegerischen Fragestellungen. Hierbei ist vor allem die Berücksichtigung von Denkmälern im Rahmen meiner studentischen Entwurfsarbeiten zu nennen, welche nicht nur aufgrund ihrer historischen und identitätsstiftenden Eigenschaften bewahrt, sondern auch durch die Einbettung in neu geplante Strukturen "in Szene gesetzt" werden sollten. Der hierbei entstehende Konflikt zwischen dem Schutz des Denkmals und dessen Wirkungsraums auf der einen Seite sowie der Raumwirkung von Planvorhaben auf der anderen Seite wurde bereits während meines Studiums deutlich und beschäftigt mich auch heute hauptsächlich bei meiner Arbeit im LVR-ADR.

Neben der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege bin ich dem abteilungsübergreifend organisierten Sachgebiet Städtebauliche Denkmalpflege zugeordnet und untersuche, inwieweit denkmalpflegerische Belange bei Planungen und Vorhaben betroffen sind. Wenn die Beeinträchtigung eines Baudenkmals festgestellt wird, unterstütze ich meine Kolleg*innen bei der Erstellung von Stellungnahmen im Rahmen der Behördenbeteiligung von Planverfahren, an denen das LVR-ADR qua Denkmalschutzgesetz NRW als Träger öffentlicher Belange zu beteiligen ist.

An meiner Arbeit gefällt mir insbesondere, dass jederzeit kreative Ideen und Lösungsansätze eingebracht werden können, beispielsweise im Rahmen von Stellungnahmen, aber auch durch die Mitwirkung an wissenschaftlichen Beiträgen. Der fachliche Austausch wird nicht nur durch Meetings mit dem großen und interdisziplinären Team gewährleistet, sondern auch durch die Möglichkeit zur Teilnahme an Ortsterminen sowie ein großes Angebot an Fortbildungsmöglichkeiten.

Durch meine Arbeit erhoffe ich mir, neben meinem Studium praktische Erfahrungen zu sammeln sowie vertiefende Einblicke in denkmalpflegerische Themen zu erhalten. In meinen ersten beiden Monaten beim LVR-ADR war die größte Herausforderung, Planverfahren nicht mehr nur aus der gesamtplanerischen Sichtweise einer angehenden Raumplanerin zu betrachten, sondern vor allem die Belange der Denkmalpflege in den Fokus zu setzen. Eine große Hilfe ist hierbei das Know-How meiner Kolleg*innen, welche langjährige Erfahrungen mit kunst- und bauhistorischen Fragestellungen haben. Gleichzeitig helfen mir meine gesamtplanerischen, geographischen und juristischen Vorkenntnisse bei der schnellen Erfassung der Umweltauswirkungen von Planungen und Vorhaben sowie bei der Bewertung räumlicher Planungsalternativen und der Formulierung von Empfehlungen.


Autorin

Anne Lotta Jöckel

Wissenschaftliche Hilfskraft Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege

anne-lotta.joeckel@lvr.de



Der Düvelshof in Hinterorbroich

Der Düvelshof befindet sich im Stadtgebiet Krefeld in der Nähe von Hüls. Der Düvelshof, der 1528 das erste Mal urkundlich erwähnt wurde, ist ein niederdeutsches Hallenhaus des „Viersener Typs“ und blickt auf eine wechselvolle Nutzungs- und Eigentümergeschichte zurück. Zwischen 1902 und 1910 mietete beispielsweise der Krefelder Maler Heinrich Nauen den Hof während der Sommermonate und malte hier mit seinen befreundeten Malerkollegen Helmuth Macke und Heinrich Campendonk. In den 1970er Jahren befand sich das Wohnstallhaus in einem desolaten Zustand. Es fand sich eine Familie, die sich mit großem Enthusiasmus an die Rettung des Wohnstallhauses machte. In den folgenden Jahren sanierte sie überwiegend in Eigenleistung den Hof. Gebinde für Gebinde wurden abgebaut, marode Hölzer ausgetauscht oder reparierte und am Ende alles aufgerichtet. Für die Sanierung wurden historische Baumaterialien aus der näheren Umgebung verwendet. Eigentlich wollte die Eigentümerfamilie mit Hühnern und Pferden, so wie früher, unter einem Dach leben, der Innenausbau verzögerte sich allerdings bis in die Gegenwart.


Der Düvelshof und die Bauernhausforschung am Niederrhein

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs in der Rheinprovinz das Interesse an volks- und hauskundlichen Untersuchungen zu bäuerlicher Architektur am Niederrhein. In den 1930er Jahren gab es erstmals die Idee ein Freilichtmuseum zu eröffnen, um die wenigen erhaltenen Bauernhäuser im musealen Rahmen zu konservieren. Der Zweite Weltkrieg verhinderte dies. Die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte Inventarisation des verbliebenen Bestands ländlicher Volksarchitektur am unteren Niederrhein, die im Auftrag des Direktors des Rheinischen Landesmuseums von Adelhart Zippelius durchgeführt wurde, wurde eine der Planungsgrundlagen für die Schaffung eines Freilichtmuseums. Gerhard Eitzen inventarisierte ab 1956 weitere Bauernhäuser. Seine Arbeit wurde eine weitere wertvolle Quelle für das Museumsvorhaben, das mit der Eröffnung des "Rheinische Freilichtmuseum und Landesmuseum für Volkskunde in Kommern“ am 20. Juli 1961 seinen erfolgreichen Abschluss fand.

Zeitgleich mit Kommern entstanden die ersten Baumärkte in Deutschland: 1960 gründete Heinz-Georg Baus in Mannheim das Unternehmen "Bauhaus“, 1968 eröffnete Otmar Hornbach in der Pfalz den ersten kombinierten Bau- und Gartenmarkt. Es folgte eine rasche Expansion der Unternehmen. Die Verfügbarkeit von einer großen Vielfalt von Baumaterialien und Werkzeugen führte in den 1970er und 1980er Jahren oft dazu, dass bis dahin recht authentisch erhaltene Fachwerkhäuser u.a. durch unsachgerechte Renovierungen verunstaltet und konstruktiv verschlimmbessert wurden. Eine "echte Überlebenschance“ für historische Bauernhäuser bestand damals häufig nur in der Translozierung in Freilichtmuseen.

Umso erstaunlicher ist, dass sich in der Eigentümerfamilie des Düvelshofes in den 1970er Jahren eine Bauherrenschaft fand, die behutsam und sachkundig, unter Verwendung historischer Baustoffe und in Anlehnung an den Bestand, die Reparatur des Düvelshofes in Angriff nahm und auf Baumarktmaterialien verzichtete. Wahrscheinlich kannte die Eigentümerfamilie die Publikationen von Eitzen und Zippelius und die damalige Herangehensweise in den Freilichtmuseen. Gerhard Eitzen neigte beispielsweise in seiner Publikation „Niederrheinische Bauernhäuser vom 15. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts“ dazu, in seinen Analysen den "Urzustand“ herauszuschälen, der manchmal vielleicht etwas zu gewollt und phantasievoll freigelegt wurde und den tatsächlichen Befunden nur teilweise entsprach, wie sich durch aktuelle Bauforschung feststellen lässt. Auch in Kommern wurden die translozierten Gebäude nicht in ihrem letzten Erhaltungszustand wiederaufgebaut, sondern man versuchte den "Urzustand“ zu präsentieren.


Der Düvelshof und die rheinische Denkmalpflege

Die Reparatur und der Wiederaufbau des Düvelshofes erfolgten in enger Abstimmung mit dem Landeskonservator der Rheinlande und der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Krefeld. Das gesamte Vorgehen wurde im Detail abgestimmt wurde und die "Instandsetzungsmaßnahmen an einem Wohnstallhaus“ mit 17.000 DM vom Landschaftsverband gefördert.

Die Tatsache, dass die partiell durchaus als freie Rekonstruktion zu bezeichnende Maßnahme am Düvelshof von der institutionalisierten Denkmalpflege eng begleitet, befürwortet, finanziell gefördert und das Gesamtergebnis 1984 rechtskräftig als Baudenkmal in die Denkmalliste der Stadt Krefeld eingetragen wurde, stellt eine institutionsgeschichtliche Besonderheit dar, die eng mit der Etablierung der Freilichtmuseen, den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Hausforschung und den tagtäglichen Realitäten der Denkmalpflege betrachtet werden muss, um sie zu verstehen. Der Düvelshof war eines der wenigen Bauernhäuser, bei dem es der Denkmalpflege dank verständiger Eigentümer Ende der 1970er Jahre gelang, ein bedeutendes Zeugnis der niederrheinischen Hauslandschaft in situ, in seinem gewachsenen historischen Zusammenhang zu erhalten und dabei sogar "verbessern“, indem ein vermutlich nie dagewesener "Urzustand freigeschält“ wurde. Die zunächst eigenwillig anmutende jüngere Baugeschichte des Düvelshofes ist ein seltenes Zeugnis für das Agieren der amtlichen Denkmalpflege unter dem Eindruck der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Herangehensweise des rheinischen Freilichtmuseums in Kommern Ende der 1970er bzw. zu Beginn der 1980er Jahre und deshalb ein ganz besonderes Baudenkmal.

Literatur (Auswahl):

Eitzen, Gerhard, Niederrheinische Bauernhäuser vom 15. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, Köln/Bonn 1981.
Dirlmeier, Ulf (Hrsg.), Geschichte des Wohnens, 500 – 1800, Hausen – Wohnen – Residieren, Band 2, Stuttgart 1998.
Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.), Rheinischer Städteatlas, Krefeld, Lieferung XV Nr. 81, Köln 2004.
Zippelius, Adelhart, Das Bauernhaus am unteren deutschen Niederrhein, Wuppertal 1957.
Ders., Das rheinische Freilichtmuseum und Landesmuseum für Volkskunde in Kommern. Geschichte und Ausblick, Köln 1981.


Autorin

Nadja Fröhlich M.A.

Wissenschaftliche Referentin Abteilung Inventarisation

nadja.froehlich@lvr.de



Die Taufkapelle (Johanneskapelle) des Aachener Doms

Am Eingang zum Domhof, dem ehemaligen karolingischen Atrium, liegt die 1215 erstmals erwähnte Johanneskapelle oder Taufkapelle des Aachener Doms, ein barocker eingeschossiger Bau auf rechteckigem Grundriss mit einem dreifach geschweiften schiefergedeckten Dach. Eine Kartusche über der Eingangstür zeigt als Chronogramm die Jahreszahl 1766, den Zeitpunkt der Fertigstellung, an.

In den barocken Neubau sind an der Nordwestecke deutlich erkennbar Teile eines gotischen Vorgängerbaus integriert. An dieser Stelle schloss sich ursprünglich ein gotisches Doppelportal an, das den Eingang zum Atrium bildete. Erst 1811, in der Zeit der französischen Herrschaft, wurde anlässlich der Taufe von Napoleons Sohn auch das gotische Doppelportal abgerissen, damit der Präfekt vierspännig vorfahren konnte. Das gotische Mauerwerk innerhalb der Taufkapellenfassade blieb nunmehr als Relikt erhalten. Am gegenüberliegenden Haus Domhof 10 sind ebenfalls noch die Ansätze des abgebrochenen Atriumsportals zu sehen.

Anlässlich der Sanierung von Dach und Fassaden wurde die Taufkapelle Anfang 2019 eingerüstet und die Fassaden durch die Bauforschung und Restaurierung des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland (Dipl.-Rest. Christoph Schaab und Dr. Ulrike Heckner) kartiert und untersucht.


Die gotischen Bauteile

Hierzu gehören die ehemalige Schildwand des Portaldurchgangs mit profiliertem spitzbogigem Gewölbeansatz und seitlichen Ansätzen von Gewölberippen und Arkaden sowie die angrenzende nördliche Gebäudeecke mit reicher gotischer Fassadengliederung. Sie bestehen aus großformatigem Quadermauerwerk, in der Sockelzone Aachener Blaustein, darüber Herzogenrather Sandstein, teils mit originalen Zangenlöchern und Steinmetzzeichen. Das Baumaterial und die Bautechnik sind kennzeichnend für alle gotischen Bauteile des Aachener Doms, die im 14. und 15. Jahrhundert entstanden: Chorhalle (1353/55–1414), Matthiaskapelle (vor 1414), Annakapelle (vor 1449), kleines Drachenloch (Mitte 15. Jh.), Karls- und Hubertuskapelle (1455-74), Nikolaus- und Michaelskapelle (vor 1487). Die gotischen Bauformen der Taufkapelle können im Vergleich mit der noch etwas reicher gestalteten Annakapelle und dem kleinen Drachenloch in die 1. Hälfte des 15. Jh. datiert werden. Eine Besonderheit stellen die aus dem 16. Jahrhundert stammenden Rötelzeichnungen auf den Sandsteinquadern im Bereich des ehemaligen Portaldurchgangs dar. Außerdem finden sich hier zahlreiche Wetzrillen auf Quadern im unteren Bereich.

Oberhalb des Gewölbebogens wurde das Mauerwerk beim Abriss des gotischen Doppelportals 1811 als unebene Abbruchfläche lediglich grob abgespitzt. Ausflickungen in Backstein verstärken den "Ruinencharakter". Drei zugesetzte Löcher über dem Gewölbebogen gehörten vermutlich zur ehemaligen Dachkonstruktion des gotischen Portalbogens.


Der barocke Neubau von 1766

Der Stadtbrand von 1656 und eindringendes Wasser hatten die Taufkapelle im 18. Jahrhundert soweit beschädigt, dass sie rund um das bestehende Atriumsportal herum abgebrochen wurde und nur das dortige Teilstück des Vorgängerbaus stehen blieb. Im Gegensatz zum großformatigen Quadermauerwerk des gotischen Bauteils ist der barocke Neubau größtenteils aus Bruchstein und Kleinquadern errichtet. Kohlensandstein, lothringischer Kalkstein und Herzogenrather Sandstein sind verbaut, in kleineren Mengen auch Grauwacke, Travertin, Mergel, Jaumont-Kalkstein, roter bzw. rosa Sandstein sowie Ziegel. Mit Ausnahme des Kohlensandsteins kommen alle diese Gesteine schon in den karolingischen und gotischen Bauteilen des Aachener Doms vor, so dass es sich hier größtenteils um Abbruchmaterial handeln wird, das beim Abriss der Kapelle selbst gewonnen wurde (Aachener Blaustein und Herzogenrather Sandstein), teils aber auch von abgebrochenen Teilen der karolingischen Atriumsbauten stammen könnte (lothringischer Kalkstein). Kohlensandstein ist dagegen als Material der Aachener Stadtmauer ("Barbarossamauer") bekannt. Das Fragment eines römischen Inschriftsteins findet sich an der Nordfassade verkehrt herum eingebaut. Im Keller der Taufkapelle sind bei Grabungen 1986/87 die Südwestecke des karolingischen Atriums, Fundamente der Vorgängerbauten und Fragmente eines mittelalterlichen Taufbeckens freigelegt worden.

An der äußeren Schaufassade der Taufkapelle zum Fischmarkt hin (Westseite) ist das barocke Mauerwerk sorgfältiger ausgeführt als an den restlichen drei Seiten. Das Bruchsteinmauerwerk ist lagenhaft mit einheitlichen Schichthöhen gesetzt, zwischen den drei symmetrisch angeordneten großen Rundbogenfenstern ist ein Wechsel zwischen breiteren Kohlensandsteinschichten und schmalen Bruchsteinschichten zu beobachten. Die Fenster sind mit Aachener Blausteinen eingefasst, die Bögen folgen einem einheitlichen Steinschnitt aus Blaustein und Kalk- oder Sandsteinen, begleitet von einem doppelten Schmuckbogen aus Backsteinen.

Während sich der barocke Neubau an der Nordseite mit einer klar abgegrenzten senkrechten Baufuge an das gotische Mauerwerk anschließt und die Fassade in zwei deutlich getrennte Hälften gliedert, bleibt an der Westfassade der durch Bauschmuck reich gegliederte gotische Baurest wie ein Bruchstück an der Nordwestecke stehen, an dessen unregelmäßige Abbruchkante sich das symmetrische angelegte barocke Mauerwerk anfügt. Der Kontrast zwischen dem gotischen Architekturfragment und dem barocken Neubau ist an dieser äußeren Schaufassade der Kapelle augenscheinlich ganz bewusst und wirkungsvoll inszeniert.

Literatur (Auswahl):

Janßen-Schnabel, Elke, und Norbert Nußbaum, Das spätgotische Atriumsportal des Aachener Münsters. In: Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege, 34, 1992, S. 1-24.
Kretzschmar, Frank, Aachen. Spätgotische Graffiti am Dom. In: Denkmalpflege im Rheinland, 3, 1990, S. 17-19.
Winands, Klaus, Das Aachener Münster. Geschichte und Architektur des Chores und der Kapellenbauten. Recklinghausen 1989, S. 259-272. (mit weiterer Literatur)


Autorin

Foto: Dr. Ulrike Heckner

Dr. Ulrike Heckner

Abteilungsleiterin Dokumentation

ulrike.heckner@lvr.de